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"Es ist nicht förderlich, wenn man junge Talente frühzeitig auf ein Podest hebt"

Talentförderung im Fußball – Role Model für das Bildungssystem?

Wir fragen Marc Dommer, Jugend-Chefscout beim 1. FC Köln, was seine Arbeit beinhaltet und was Talentförderung im Fußball bedeutet. Im Interview mit Bildung & Begabung verrät er, wie man ein Talent erkennt, was eine gute Förderung ausmacht – und welche Rolle Schule und Familie dabei spielen. Auch auf der didacta widmen wir uns weiter der Frage, ob und wen ja wie, man in der Talentförderung im Bildungsbreich von den professionellen Strukturen im Profifußball lernen kann.

Interessiert an Talentförderung im Fußball?

Mehr dazu in unserem neuen Talentmagazin "". Hier werfen wir einen Blick auf die Talentförderung des FC Schalke 04 und den Weg von Julian Draxler in den Profikader.

„Talentförderung im Fußball – Role Model für das Bildungssystem?“

Diskutieren Sie am 19.02.2013
ab 12 Uhr auf der didacta mit:

  • Frank Schaefer (1. FC Köln)
  • Frank Fahrenhorst ( FC Schalke 04)
    • Ulrike Leikhof (Bildung & Begabung)
      • Prof. Dr. Carsten Rohlfs (Pädagogische Hochschule Heidelberg)
        • Beate Weisbarth ( Elsa-Brandström-Realschule Köln)


        Zu unserem didacta-Programm.

18.02.2013
  • Herr Dommer, wie wird man eigentlich Talent-Scout?
Marc Dommer
Ich habe Sport studiert und bin so über die Ruhr-Universität Bochum als Jugendtrainer zu Schalke gekommen, bevor ich dann zu meinem Lieblingsverein dem 1. FC Köln gewechselt bin. Hier war ich zunächst als Jugendtrainer und Internatspädagoge beschäftigt, bevor der Verein dann 2011 entschieden hat, mich als Verantwortlichen für das Nachwuchsscouting einzusetzen. Zusätzlich dazu bin ich seit 2012 auch für die Ausbildung im Altersbereich U8 bis U15 verantwortlich.

  • Sie sind seit Jahren in der Nachwuchsförderung tätig, können Sie einen Wendepunkt benennen, an dem sich Ihrer Meinung nach die Talentförderung im Fußball professionalisiert hat?
Nach dem desaströsen Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1998 und der EM 2000 hat der DFB 2001 alle Lizenzvereine verpflichtet, Leistungszentren aufzubauen. Das war ein entscheidender Schritt zur bundesweiten Professionalisierung der Nachwuchsarbeit. Darüber hinaus werden die Leistungszentren seit 2008 vom DFB zertifiziert und in diesem Rahmen in allen relevanten Bereichen der Talentförderung überprüft und bewertet. Neben den Leistungszentren der Vereine unterhält der DFB zusätzlich noch weitere Stützpunkte zur Leistungsförderung in ganz Deutschland, in denen Spieler gefördert werden, die es noch nicht in die Leistungszentren geschafft haben.

  • Sie sind ja für das Nachwuchs-Scouting des 1.FC Köln verantwortlich. Wo suchen Sie die Talente? Und wie erkennt man eigentlich einen Jugendlichen, der Talent für Fußball hat?
Beim 1.FC Köln zählen die Altersbereiche U8-U16 zum Nachwuchs-Scouting. Der Bereich ab der U17 zählt bei uns zum Lizenz-Scouting. Das Nachwuchs-Scouting wiederrum ist bei uns unterteilt in die Bereiche U8-U13 und U14-U16. Im Altersbereich U8-U13 sichten wir systematisch und flächendeckend alle Mannschaften im Radius von 50 km rund um Köln und setzen dazu aktuell 26 Sichter ein. Im Altersbereich U14-U16 konzentrieren wir uns auf die Spitzen-Ligen, die Stützpunkte und die Auswahlmannschaften der Landesverbände bzw. des DFB. Wir suchen bei den Jungs gezielt nach bestimmten Merkmalen, die für unsere Art zu spielen wichtig sind. Dazu gehören Aktivität und Spielfreude, Schnelligkeit und gute Technik, aber auch erkennbarer Ehrgeiz. Die im Rahmen der Sichtungen aufgefallenen Jungspieler werden in unsere jeweiligen Mannschaften zu einer Probetrainingsphase eingeladen, um differenziert von unseren Trainern beurteilt zu werden. Sollte sich der positive Eindruck bestätigen, bemühen wir uns den Spieler für den 1.FC Köln zu gewinnen .

  • Das Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Köln wurde von der DFL und dem DFB als bestes der gesamten Bundesliga zertifiziert. Was zeichnet das Zentrum insbesondere aus?
Unser Leistungszentrum kombiniert Schule und Sport sehr gut. Im Rahmen unserer „Geißbockakademie“ kooperieren wir mit mehreren Kölner Schulen. Das bedeutet, dass unsere Top-Spieler einerseits zusätzliche morgendliche Trainingseinheiten bekommen können und andererseits schulisch, in Form von individueller Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung unterstützt werden. Ein wesentlicher Vorteil dabei ist, dass unseren Spielern hierbei alle Schulformen bis hin zum Abitur oder einem berufsqualifizierenden Abschluss zur Verfügung stehen. Wir möchten jeden unserer Fußballer zu dem für ihn höchst möglichen Schulabschluss verhelfen. Außerdem profitieren wir von der Nähe zur Sporthochschule Köln und können so immer einen Stab an qualifizierten und motivierten Nachwuchstrainern zusammenstellen. Des Weiteren werden unserer Spieler im Rahmen der Kooperation mit der DSHS optimal medizinisch und psychologisch betreut. Insbesondere die medizinische Betreuung stellt darüber hinaus durch Physiotherapeuten, die permanent vor Ort sind und unsere Zusammenarbeit mit der Mediapark Klinik in Köln, ein wesentliches Qualitätsmerkmal unserer Arbeit dar.
Vor allem zeichnet sich unser Leistungszentrum aber auch durch die Fußball-Ausbildung aus. Hier sind wir in jüngster Vergangenheit durchaus selbstkritisch mit uns umgegangen und haben Überlegungen angestellt, wie wir unsere Ausbildung im Hinblick auf die Entwicklung von Nachwuchstalenten zu Leistungsträgern der Lizenzspielermannschaft noch effektiver gestalten können. Dazu haben wir entsprechende Schritte eingeleitet und unsere Prozesse weiter optimiert.

  • Können Sie uns sagen, welche jungen Spieler Ihrer Meinung nach die größten Talente des FCs sind?
Sehr ungern, da es für die betreffenden Spieler und ihre noch nicht abgeschlossene Entwicklung aus meiner Sicht nicht förderlich ist, wenn man sie frühzeitig auf ein Podest hebt. Talente aus unserer eigenen Förderung, die es aber schon in die erste Mannschaft geschafft haben, und auf die wir hier sehr stolz sind, sind beispielsweise Christian Clemens und Timo Horn. Fabian Schnellhardt, der vielleicht auch an der Talkrunde „Talentförderung im Fußball – Role Model für das Bildungssystem?“ von Bildung & Begabung auf der didacta teilnehmen wird, ist auch ein sehr großes Talent und gehört bereits zum Kader der Profis.

  • Kann man Ihrer Meinung nach auch zu viel trainieren?
Natürlich. Es sollte immer darauf geachtet werden, dass es eine Balance zwischen körperlicher Belastung und Erholung gibt. Ebenso wichtig ist es, eine mentale Balance zu gewährleisten. Deshalb ist es für uns auch wichtig, den Spielern in diesem Bereich Kompetenzen zu vermitteln, die ihnen helfen, mit dem Druck im Leistungsfußball umgehen zu können.

  • Holen Sie bei der Talentförderung auch die Eltern bzw. Familien mit ins Boot? Wie wichtig sind die Eltern für eine funktionierende Talentförderung?
Natürlich werden die Eltern mit einbezogen und informiert, auch inhaltlich. Speziell im unteren Nachwuchsbereich unterstützen die Eltern ihre Kinder und den Verein nicht nur organisatorisch, indem sie z.B. Fahrdienste übernehmen. Sie sind Vertreter des Vereins und repräsentieren den FC bei Spielen. In erster Linie ist es uns wichtig, dass die Eltern ihren Kindern einen bedingungslosen emotionalen Rückhalt bieten. Leistungssport kann eine tolle Herausforderung und sehr motivierend und anregend sein. Gleichzeitig beinhaltet er jedoch auch negative Seiten und Risiken. Die Kinder müssen mit Druck und Selektionsprozessen zurechtkommen. In diesem Kontext ist es für eine gesunde emotionale Entwicklung unerlässlich, dass die Eltern ein bedingungsloser Rückhalt für ihre Kinder sind und ihre Zuneigung und Anerkennung nicht an sportliche Resultate knüpfen.
Des Weiteren ist es wichtig, dass die Eltern die Ausbildungsphilosophie des Vereins mittragen. Deshalb binden wir die Eltern mit Elternversammlungen und vielen Gesprächen immer wieder in die Prozesse ein. Auch die Trainer und Betreuer sind für alle Eltern immer ansprechbar und nehmen sich dafür auch gerne Zeit.

  • Sie haben ja auch Julian Draxler, über den es übrigens auch einen Beitrag in unserem neuen Talentmagazin „Hingucker“ gibt, beim FC Schalke 04 trainiert. Haben Sie bei ihm gleich gemerkt, dass er es mal in die Bundesliga schafft?
Bei einem Jugendspieler kann man nie 100%ig sagen, wie weit er es einmal bringen wird, da es eine Reihe von Einflussfaktoren gibt, die nicht berechenbar sind. Julian Draxler hatte aber schon immer herausragende Bewegungsabläufe und hat sich stark von seinem Altersgenossen abgehoben. Während meiner mittlerweile 16-jährigen Laufbahn im Nachwuchsleistungsfußball habe ich keine fünf Spieler mit diesem Talent erlebt. Sein Potenzial ist auf jeden Fall sehr groß und meiner Einschätzung nach, ist von ihm noch einiges im positiven Sinne zu erwarten.

  • Was war Ihr schönstes Erlebnis als Talent-Scout und Trainer?
Ich mache das ja jetzt schon eine Weile, und es gibt ganz viele schöne Erlebnisse und Erfolge. Dazu gehören sicherlich viele positive Rückmeldungen von Eltern oder ehemaligen Spielern. Ein besonders schönes Gefühl ist es auch immer wieder, wenn Spieler, die ich mal trainieren durfte, in der Bundesliga oder in der Nationalmannschaft auflaufen. Das ist dann wirklich ein tolles Gefühl, weil damit letztendlich ein wesentliches Ziel, für das man sich viele Jahre engagiert hat, erreicht wurde.

  • Was meinen Sie Herr Dommer, wie sähe die Bundesliga aus wenn es keine Talentscouts gäbe?
Die Talentsichtung und Talentrekrutierung sind wesentliche Bestandteile der Talentförderung. Wenn es keine Talentscouts gäbe, dann gäbe es auch keine zielgerichtete Talentförderung und die Bundesliga sowie die Nationalmannschaft wären im internationalen Vergleich wohl sehr schwach und nicht mehr wettbewerbsfähig.

Interview: Nina Linnebch
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