»Perspektive Begabung: Nachhaltig Fördern«

Rückblick auf die Fachtagung am 13. Mai 2014

Viele Förderangebote, aber wenig Förderung? Zahlreiche Schulen und außerschulische Lernorte engagieren sich, damit Kinder und Jugendliche ihre Potenziale entfalten können. Aber wann ist Förderung effektiv und nachhaltig? Welcher Strategien bedarf es, damit Kinder und Jugendliche ihre Talente langfristig weiterentwickeln? Wo gelingt eine nachhaltige Förderung bereits?

Tagungsdokumentation

Foto-Impressionen


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Interviews »Nachhaltig Fördern«

Anlässlich der Fachtagung haben wir Interviews mit Jutta Allmendinger, Olaf Köller, Birgit Eickelmann und Marion Müller geführt, die Sie unter der Rubrik "Blickpunkt Begabung" finden.



Medien-Echo

  • "Nachhaltig Begabte fördern"
    Anlässlich der Fachtagung beleuchtet der DEUTSCHLANDFUNK in der Sendung Campus & Karriere das Thema Nachhaltige Talentförderung: Hier können Sie den Radio-Beitrag anhören.
  • "Wir brauchen mehr Zeit und Ganztagsschulen"
    Der Generalanzeiger berichtet über die Keynote von Prof. Jutta Allmendinger auf der Fachtagung in Bonn. Hier gehts zum
    Online-Bericht.

Flyer »Perspektive Begabung«
  • Flyer »Perspektive Begabung«
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Angela von Wietersheim

Angela von Wietersheim

  • Leiterin Wissen­schafts­transfer
  • (02 28) 959 15-91

20.05.2014
Mehr als 300 Lehrkräfte, Praktiker der außerschulischen Förderung, Bildungsexperten und Vertreter aus der Wirtschaft waren im Wissenschaftszentrum in Bonn zusammengekommen, um sich über die verschiedenen Aspekte nachhaltiger Förderung zu informieren und auszutauschen. „Ich wage die These, dass wir zwar im Einzelnen viel über nachhaltiges Fördern sprechen, aber noch zu wenig die Vielzahl von Handlungsansätzen als Ganzes in den Blick nehmen. Zu einer wirklich nachhaltigen Förderung braucht es mehr als eine isolierte Maßnahme“, betonte Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung. Die Tagung trug dieser These Rechnung: Sie brachte alle Dimensionen zusammen und betrachtete die Nachhaltigkeit und Anschlussfähigkeit von Förderung aus zeitlicher, räumlicher und methodischer Perspektive.

Dringender Handlungsbedarf

Jutta Allmendinger forderte mehr gemeinsames Lernen.
Wie wichtig es ist, junge Menschen nachhaltig zu fördern, machte Jutta Allmendinger deutlich. Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung eröffnete die Tagung mit einer Bestandsaufnahme, die dringenden Handlungsbedarf aufzeigte. Denn: Nach wie vor bleiben zu viele junge Menschen in Deutschland unter ihren Möglichkeiten. „Wir verlieren zu viele Kinder, die das Potenzial hätten, einen höheren Abschluss zu machen", konstatierte die Soziologin – und lieferte auch gleich den Grund: Schuld daran sei die „soziale Vererbung von Bildung“. Das heißt: Kinder, die in weniger privilegierten Verhältnissen aufwachsen, erhalten oftmals gar nicht die Chance, ihre Potenziale zu entfalten.

Was zahlreiche internationale Vergleichs-Untersuchungen immer wieder belegen, hat Jutta Allmendinger auch in einer privaten Langzeitstudie verfolgt: Die Soziologin musste ansehen, wie ihr gut situiertes Patenkind Alex gefördert wurde, während seinem Kindergartenfreund Erkan der Aufstieg verwehrt blieb. Alex, der Architektensohn, ist heute Eliteschüler in England, Erkan, das Kind türkischer Händler, KFZ-Mechatroniker. "Dabei war Erkan mindestens ebenbürtig, was Intellekt und Neugierde angeht", so Allmendinger.

Der Befund, dass die sozialen, kulturellen und finanziellen Hintergründe die Zukunftschancen eines Kindes stark beeinträchtigen können, ist eindeutig. Die Schlüsse, die daraus gezogen werden müssen, sind es laut Allmendinger auch: Um allen Kindern gerecht zu werden, müsse Förderung so früh wie möglich ansetzen. „Es braucht von Beginn an eine anregende Umgebung für junge Kinder. Und: Wir müssen ihnen Zeit geben - Zeit, gemeinsam zu lernen“, so Allmendinger. Sie übte deutliche Kritik am derzeitigen Schulsystem. Es eröffne kaum Chancen, unterschiedliche Startbedingungen auszugleichen und zementiere damit soziale Ungleichheit. Kinder würden nach sozialer Herkunft gruppiert, Potenziale ignoriert. „Ich halte es für falsch, dass unsere Kinder so früh auf verschiedene Schulformen aufgeteilt werden", sagte Allmendinger. „Besser wäre es, wenn sie länger zusammenbleiben und sich gegenseitig helfen könnten. Wir haben festgestellt, dass in heterogenen Gruppen schwächere Kinder gewinnen, ohne dass leistungsstarke Kinder verlieren." Der gemeinsame Unterricht sei keine Gleichmacherei, er erfordere vielmehr eine Pädagogik der Vielfalt - und diese wiederum erfordere Zeit. Allmendingers Forderungen: Im Ganztagsbetrieb länger gemeinsam lernen, Lehrkräfte besser aus- und fortbilden, Sozial- und Sonderpädagogen einbinden, Übergänge moderieren. „Nachhaltigkeit ergibt sich daraus, dass wir die Neugier der Kinder wecken, befriedigen und fördern – und zwar über die gesamte Bildungskette hinweg", sagte sie. „Dabei ist es ganz wichtig, dass alle Akteure und Institutionen, die am Bildungsprozess der Kinder beteiligt sind, an einem Strang ziehen."

Auch die Teilnehmer diskutierten im Anschluss an die Vorträge rege mit.

Bildungslandschaften

Für eine bessere Zusammenarbeit aller Beteiligten plädierte auch Heike Kahl. Die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung berichtete über lokale Bildungslandschaften. Diese langfristig angelegten Kooperationen aller am Bildungsprozess beteiligten Akteure aus Pädagogik, Politik und Verwaltung zielen darauf ab, schulische und außerschulische Bildungseinrichtungen und Lernorte miteinander zu vernetzen. Dahinter steht das Bestreben, für jedes Kind eine nachhaltige fördernde Umgebung zu schaffen. Dieses gemeinsame Ziel sei jedoch keine hinreichende Grundlage für eine erfolgreiche Kooperation, so Kahl. Es gebe weitere Faktoren, die zusammenkommen müssten: Pflicht zur Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen, Zugehörigkeitsgefühl. "Je enger man innerhalb einer regionalen Bildungslandschaft vor Ort zusammenwirken kann, desto größer ist die Chance, die Kooperation erfolgreich zu gestalten", so Kahl.

Während Jutta Allmendinger und Heike Kahl vor allem auf zeitliche, räumliche und institutionelle Faktoren abhoben, stellte Olaf Köller die Qualität des Unterrichts in den Mittelpunkt. Der Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel, referierte über die Ergebnisse der Studie „Visible Learning“ des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie und ihre Schlussfolgerungen für Unterricht und Förderpraxis. Hatties Ergebnissen zufolge hätten die schulischen Rahmenbedingungen und Strukturen – bis auf wenige Ausnahmen – einen eher schwachen bis gar keinen Effekt auf den Lernerfolg. Offener und jahrgangsübergreifender Unterricht oder interne Differenzierung würden die schulische Leistungsentwicklung weder behindern noch wirklich befördern, nur einen geringen Effekt hätten Maßnahmen wie die Reduzierung der Klassengröße, individualisiertes Lernen oder die externe Differenzierung für leistungsstarke Schüler. „Je mehr Wissen Lehrer haben, umso eher werden sie in der Lage sein, Schüler klug zu fördern“, betonte Köller. „Es sind nicht die Strukturen, sondern es sind unsere Lehrkräfte, die dafür Sorge tragen, ob Schüler erfolgreich lernen.“

Olaf Köller berichtete über Erkenntnisse aus John Hatties Studie.
Wie Lehrer in der Praxis nachhaltige fördernde Lernräume schaffen können, zeigte der Vorsitzende des Internationalen Centrums für Begabungsforschung (ICBF), Christian Fischer, am Beispiel des Forder-Förder-Projekts (FFP). Die Leitidee: Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes setzen. Das Ziel: Lernkompetenzen fördern, individuelle Begabungen und Interessen herausfordern. „Das FFP eignet sich sowohl zur individuellen Förderung im Regelunterricht als auch zur Begabtenförderung in Kleingruppen“, erklärte Fischer, der als Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Münster lehrt. Im FFP haben Schüler viele Freiheiten: Sie erstellen eine Expertenarbeit zu einem Thema ihrer Wahl und präsentieren die Ergebnisse abschließend vor Publikum. Die Aufgabe der Lehrer sei es hierbei, die Schüler zum selbstregulierten und forschenden Lernen anzuleiten. Das Konzept scheint aufzugehen: Laut den Lehrern, die das FFP in ihren Schulen umsetzen, schafft das interessengeleitete Lernen eine innere Beteiligung, die die Kinder motiviert und Erfolgserlebnisse generiert.

Zusammenspiel wichtiger Ressourcen

Gute Lehrer sind wichtig - für Albert Ziegler aber nur eine Schraube im System. „Damit Kinder ihre Potenziale nachhaltig entwickeln können, müssen mehrere Faktoren ineinandergreifen“, sagte der Lehrstuhlinhaber für Pädagogische Psychologie und Exzellenzforschung an der Uni Erlangen-Nürnberg. Die Entwicklung von Begabung sei vom Zusammenspiel vieler Ressourcen abhängig. „Und wenn wir Menschen ganzheitlich fördern wollen, müssen wir sicherstellen, dass diese Ressourcen langfristig zur Verfügung stehen“, so Ziegler. Für die persönliche Weiterentwicklung seien unterstützende Bezugspersonen wie Eltern und Lehrer, günstige Lernumstände und gesellschaftliche Förderstrukturen erforderlich. Exzellenz liege nicht in der Person, sondern im System aus Person und Umwelt. Jedes Kind interagiere mit seiner individuellen Umwelt und entwickle in Auseinandersetzung mit dieser materiellen, sozialen und informationellen Umwelt seine individuellen Fähigkeiten. Es sei daher nicht sinnvoll, Menschen nach Merkmalen wie Begabung oder Hochbegabung zu klassifizieren. Es gebe viel mehr Personen, die mit dem richtigen Umfeld eine Chance hätten, ihre Talente nachhaltig zu entfalten. Aus diesem Grund müsse ein System geschaffen werden, dass es Kindern ermögliche, „gut zu werden“.

Fazit

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Thementische luden Teilnehmer zum Austausch mit Experten ein.
Für eine nachhaltige Förderung muss an vielen Rädern gedreht werden. Das gelingt nur, wenn sich alle Bildungsakteure engagieren und miteinander sprechen. Die Tagung "Perspektive Begabung" leistete dieser Erkenntnis Vorschub: Sie brachte Wissenschaftler, Lehrer und Experten aus der außerschulischen Förderung zusammen – und gab damit Impulse für eine ganzheitliche Entwicklung auf allen Ebenen.
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