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Begabungsförderung 2.0

Bericht zum Forum „Digitale Medien – ein begabungsfördernder Lernraum?“

Prof. Dr. Birgit Eickelmann / Eva-Maria Stolpmann

Laut einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2013 glauben nur 18% der deutschen Lehrer, dass digitale Medien im Unterricht zu höheren Lernerfolgen führen. Die Potenziale digitaler Medien für die Begabungsförderung liegen offensichtlich in vielen Schulen hierzulande noch im Verborgenen. Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn und Eva-Maria Stolpmann, Projektleiterin „lernreich 2.0“ in der Stiftung Bildungspakt Bayern, brachen in ihrem Forum eine Lanze für das Lernen mit Computer, Tablet & Co. Der gar nicht mehr so neue digitale Lernraum sei schließlich längst da. Grund genug für die Pädagoginnen zu zeigen, dass digitale Medien vielfältig kognitiv wie kreativ fördernd eingesetzt werden können.

Prof. Dr. Birgit Eickelmann

Prof. Dr. Birgit Eickelmann ist Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn. Sie erforscht auf nationaler und internationaler Ebene die erfolgreiche Implementation von di-gitalen Medien in Schulen. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Unterstützung des Umgangs mit Heterogenität und die Individualisierung von Lernen durch den Einsatz neuer Technologien. Derzeit koordiniert sie das Vorhaben „Medienbildung entlang der Bildungskette“ der Deutschen Telekom Stiftung sowie die international vergleichende Schulleistungsstudie
ICILS 2013 (Berichtlegung November 2014), die zum Bereich „ICT-Literacy“ computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Jugendlichen misst und die Rahmenbedingung des Erwerbs dieser höchstrelevanten Kompetenzen erfasst.

Eva Maria Stolpmann

Eva Maria Stolpmann ist seit September 2012 für den Modellversuch „lernreich 2.0 – üben und feedback digital“ der Stiftung Bildungspakt Bayern zuständig. Sie ist Lehrerin für Englisch und Geschichte. Zu ihrem Tätigkeitsfeld an einem oberbayerischen Gymnasium gehörte der Aufbau eines schuleigenen Medien- und Methodencurriculums sowie die Etablierung und Betreuung von Laptopklassen. In diesem Zeitraum arbeitete sie im Arbeitskreis „Digitales Lehren und Lernen“ des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) und am Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München zur Entwicklung virtueller Lernmodule mit. Als Projektleiterin ihrer Schule war sie für die Mitarbeit in nationalen und internationalen Netzwerken verantwortlich. Sie sammelte ferner Erfahrungen als Fachbetreuerin Englisch und Kollegstufenbetreuerin.

Weblinks

Buchtipp

Dietrich Karpa, Birgit Eickelmann, Silke Graf (Hrsg.):
Digitale Medien und Schule. Zur Rolle digitaler Medien in Schulpädagogik und Lehrerbildung

  • 2013, Prolog-Verlag
  • ISBN: 978-3934575752
  • Die Bedeutung digitaler Medien für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist unbestreitbar. Dieser Entwicklung hat auch die Institution Schule Rechnung getragen. Digitale Medien werden nicht nur in Schulentwicklungsprozessen etabliert, sondern auch als didaktisches Werkzeug in der Unterrichtspraxis verwendet. Die Publikation richtet den Blick auf aktuelle Herausforderungen für Schul- und Unterrichtsentwicklung durch digitale Medien. Der Band liefert zudem Beispiele zum Einsatz digitaler Medien aus der Unterrichtspraxis sowie Berichte aus Schulen, deren Profil maßgeblich durch die Arbeit mit Medien geprägt ist.



Angela von Wietersheim

Angela von Wietersheim

  • Projektleiterin Wissenstransfer
  • (02 28) 959 15-91

30.05.2014
Digitale Medien stehen heute vor allem für Multimedialität: Sie verknüpfen Texte, Fotos, Audiobeiträge und Bewegtbildangebote. Kurzum: Sie bringen Inhalte unterschiedlicher Codierung und Sinnesmodalität auf einer Medienoberfläche zusammen. Zudem punkten sie mit Interaktivität – und damit Steuerungsmöglichkeiten seitens des Nutzers – sowie weitreichenden Vernetzungsmöglichkeiten zur Kommunikation, Kooperation und Unterstützung. Dank des Internets machen sie Wissen grenzenlos verfügbar. Unabhängig von Ort und Zeit bieten sie ein besonders flexibles Lernen und ermöglichen einen Lernprozess, der an das individuelle Lerntempo angepasst ist.

Doch welchen Beitrag können digitale Medien leisten, um unterschiedlichem Lernverhalten, individuellen Wissensständen und Stärken gerecht zu werden? Wie könnten sie sinnvoll fordernd und fördernd eingesetzt werden? Und wie müsste ein nachhaltig begabungsfördernder Unterricht strukturiert sein, wenn moderne Kommunikationstechnologien genutzt werden?

Erfolgreich erprobte Ansätze

Grundsätzlich bieten digitale Medien vielfältige Möglichkeiten, Lernprozesse einzelner Schüler durch individuell fördernde und fordernde Lernangebote zu gestalten. Lernende erhalten neue Explorations- und Dokumentationsmöglichkeiten und können eigene Lernwege so besser nachvollziehen. Inter- und Intranetfähige Endgeräte ermöglichen Schülern verschiedene kooperative Lernformen und somit mehr Optionen, ihre Stärken einzubringen. In offenen Lehr-Lern-Settings können digitale Medien zudem Motivation und Kreativität unterstützen.

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Prof. Dr. Birgit Eickelmann
„Studien, die die Effekte der neuen Medien auf die Begabungsförderung untersuchen, gibt es derzeit jedoch noch weniger, als man vermuten würde“, erläuterte Birgit Eickelmann. Allerdings gebe es zahlreiche spannende und erfolgreich erprobte Ansätze – aus anderen Ländern, aber auch in Deutschland. Einige dieser Beispiele lernten die Forumsteilnehmer bei der „Perspektive Begabung“ kennen.

BYOD und Blended Learning

Das niederländische Lehrerportal „Leraar24“ (www.leraar24.nl) dokumentiert Lehr- und Lernkonzepte – von Lehrern für Lehrer. In dem umfangreichen Informationspool finden sich viele Förderkonzepte, die auf den Einsatz digitaler Medien zielen: Ob BYOD-Ansätze (Bring Your Own Devise), Selbständige Lernorganisation mittels Web-Tools oder digital gestützte Förderung hochbegabter Kinder in sog. Levelwerk- Gruppen: Videos und Blogeinträge geben bei Leraar24 Einblick in die Konzepte. Dank zahlreicher Social-Media-Anbindungen können sich Interessierte zudem weiterführend informieren und vernetzen.

Mit „DreamBox Learning“ (www.dreambox.com) und „imacs“ (www.imacs.org) stellte Birgit Eickelmann Online-Programme zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Förderung vor, die auf dem „Blended Learning“-Prinzip basieren und adaptiv mit den Kenntnissen arbeiten, die die Anwender bereits besitzen. So können solche Programme beispielsweise darauf reagieren, wenn ein Schüler eine Aufgabe besonders schnell gelöst hat und im nächsten Schritt eine entsprechend schwerere Herausforderung anbieten.

On- und Offline-Lernen verquicken

PISA 2012 hat gezeigt, dass die Computer- und Notebookausstattung in deutschen Schulen zwar über dem OECD-Durchschnitt liegt. Diese Infrastruktur wird allerdings keineswegs ausschöpfend genutzt – und verhältnismäßig selten zur Leistungsdifferenzierung eingesetzt. Auch im deutschen Ganztag, so Eickelmann, spielten digitale Medien bisher kaum eine Rolle. „Die Begabungsförderung kann hier also nicht auf einen fahrenden Zug aufspringen“.

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Eva Maria Stolpmann
Online- und Offline-Lernen müsse noch sinnvoller verquickt werden, ist sich auch Eva-Maria Stolpmann, sicher. Die Leiterin des Projekts „lernreich 2.0“ berichtete von den Erfahrungen aus dem Schulversuch in Bayern. Hier geht es darum, Jugendlichen unterschiedlicher Schulformen der Klassen 6 bis 9 ein alters- und entwicklungsgemäßes Lernangebot zu bieten. Digitale Medien dienen dabei als Werkzeuge für individualisiertes, intelligentes Üben sowie für systematische Rückmeldungen zur Verbesserung der Lernbereitschaft und der Lernergebnisse.

Digitale Medien allein, so Stolpmann, seien jedoch nicht ausschlaggebend für einen Fördererfolg. Vielmehr müssten die Materialien sowohl fachlich als auch didaktisch geeignet und natürlich urheberrechtlich unbedenklich sein. Einige Schulbuchverlage hätten ihr Angebot bereits auf die elektronische Lernumgebung ausgeweitet. Viele der aktuellen Produkte hält die Expertin für computergestütztes Lernen allerdings für zu wenig flexibel. Umso wichtiger erachtet sie den verstärkten Austausch über erfolgreiche Ansätze und sinnvolle Programme zur Begabungsförderung im digitalen Lernraum. Schließlich könne nicht jede Schule das Rad – sei es nun didaktisch-konzeptionell oder inhaltlich mit Blick auf die Software – neu erfinden.

Fokus Lehrerausbildung

Ob Mobiles Lernen im Sinne von „Paducation“, frei zugängliche Vorlesungen im Netz (MOOCS) oder Analysetools, um Lernergebnisse besser auswerten zu können: Die rasante Entwicklung digitaler Medien ruft immer wieder neue Trends hervor. Kann die Lehrerausbildung hier überhaupt Schritt halten? Und überwiegen tatsächlich die Vorteile dieser Technologien für eine nachhaltige Förderung junger Menschen? Wissenschaftlich belastbare Antworten auf die Fragen der Forumsteilnehmer wird es wohl erst in einigen Jahren geben.

Eine Einschätzung wagte Birgit Eickelmann dennoch zu geben: Die Professorin für Schulpädagogik empfiehlt die digitalen Trends gut zu beobachten und die Möglichkeiten digitaler Medien für die Förderung lieber zu nutzen, statt Medientrends aufhalten zu wollen. Handlungsbedarf sieht Eickelmann in Hinblick auf die Nachhaltigkeit der Lehrerausbildung: Hier sollten mehr solche Lehrkompetenzen im Fokus stehen, die Lehrer befähigen, neue Medien inhaltlich und didaktisch sinnvoll in ihren Unterricht zu integrieren. Denn Qualifikationen, die an einzelne Softwarelösungen oder Endgeräte gebunden sind, haben in der schnelllebigen digitalen Welt nur eine geringe Lebensdauer. Um mit Medien nachhaltig lehren und lernen zu können, gilt es also zunächst Unabhängigkeit von (einzelnen) Medien zu schaffen.
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