Substanz bildet sich durch Denken

Stefan Röske, Berufsschullehrer OSZ Technik Teltow, Jury BWFS Team Beruf

Wenn ich als Lehrer eine Unterrichtsstunde mit einem Brainstorming zum Thema Digitalisierung beginnen würde, könnte ich mir der folgenden Schlagworte gewiss sein: Vernetzung, Kommunikation, Überwachung – aber denken wir wirklich darüber nach, ob etwas tatsächlich digital ist, oder formulieren wir nicht einfach die zunehmende Technisierung unseres Alltags?

BIG 5.0



Bernhard Sicking

Bernhard Sicking

  • Leiter Bundes­wettbewerb Fremd­sprachen
  • (02 28) 959 15-31

Text: Stefan Röske, Foto: Christian Bohnenkamp

Digitale Nullen und Einsen sagen erst einmal nichts aus, die oft postulierte vermeintliche Vereinfachung ist ein rein technisches Phänomen. Aus dem Blickwinkel eines Berufsschullehrers mit medientechnischem Hintergrund stellt es sich für mich so dar: In der Fotografie beispielsweise übernehmen hochaufgelöste, digital angesteuerte Bildpunkte eines Sensors die Aufgabe des zu belichtenden Films. Die daraus resultierenden Bilder sind in der Regel gut aufgelöst und scharf – und falls nicht, können sie ja schnell gelöscht werden.

Aber all das ersetzt die gute Gestaltung eines Bildes nicht. Es entstehen dadurch nicht per se bessere Bilder. Die digitalisierte Technik ist allein ein Hilfsmittel an der Oberfläche, die innere Form ist davon unberührt. Egal, ob eine Geschichte mit verwackelten Schwarz-Weiß-Aufnahmen oder mit Bildern in 4K-Auflösung erzählt wird, sie muss am Ende das Herz des Menschen treffen. Nicht selten sind meine Schüler begeistert, wenn sie einen alten Film sehen, der sie mit bestechender Dramaturgie und lebendigem Spiel umgehauen hat – ein ganz analoger, technisch unaufwendiger Klassiker, der mit mehr Wucht und Emotion über sie hereinbricht als jeder digital aufgepeppte Megablockbuster unserer Tage.

„Wir reduzieren uns auf Schlagworte“

Woran liegt das? Vielleicht ist es die Geschwindigkeit. Die Digitalisierung verursacht ein Tempo, das häufig in Oberflächlichkeit mündet. Wir reduzieren uns auf Schlagworte: ein Post, ein Tweet, ein Like – und werden damit flüchtiger: im Lesen, im Schreiben, im Nachdenken. Substanz wird zur gallertartigen Masse, die in den kurzen Momenten zwischen Netflix und Facebook ab und zu mal durchwabert. Die künstliche Intelligenz, der technische Fortschritt, die digitale Abtastung unseres Lebens ersetzen das Reale nicht, das sich eventuell eben auch durch menschliche Fehlbarkeit auszeichnet. Ist das jetzt rückwärtsgewandt? Und das von mir, einem hoch technologisierten Lehrer, der digitale Themen weitgehend papierlos unterrichtet? Vielleicht. Auf die Gefahr hin, altmodisch zu sein: Substanz bildet sich allein durch Denken. Dazu anzuregen, ist eine großartige Aufgabe.
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