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Péter Csermely: "Talent ist ein Netzwerk-Phänomen"

Kurz gefragt: Vor dem Kongress in Münster

Vernetzt euch! Das ist, so knapp wie möglich zusammengefasst, die Kernforderung in der Arbeit des ungarischen Wissenschaftlers Péter Csermely. In Münster wird er deshalb auch darüber sprechen, wie länderübergreifende Kooperationsmöglichkeiten in der Talentförderung aussehen können. Im Interview mit Bildung & Begabung erklärt er außerdem, warum Talent in der Gruppe am besten aufblüht.

Zur Person

Der Biochemiker Péter Csermely ist Professor an der Semmelweis Universität in Budapest (Ungarn). Auch außerhalb seines Forschungsgebietes hat er sich intensiv mit dem Thema „Netzwerke“ beschäftigt: Auf ihn geht die Gründung des „National Talent Support Council“ zurück. Diese Initiative engagiert sich über die Grenzen von Ungarn hinweg für begabte junge Menschen. Informationen bereitstellen, Talent-Tage organisieren und vor allem für eine bessere Vernetzung sorgen unter den jungen Talenten, ihren Lehrern und den vielfältigen Initiativen in der Begabungsförderung: Das sind die Ziele des Councils. Csermely wird in Münster über die Möglichkeiten von Talent-Netzwerken sprechen, Best-Practice-Beispiele und Kooperationsmöglichkeiten vorstellen. (14.09.2012, 9:00 Uhr H-Gebäude, zur Programmseite)

Interview: Angela von Wietersheim und Andreas Block

Das Interview mit Péter Csermely haben wir auf Englisch geführt, auf dieser Seite finden Sie auch die deutsche Übersetzung.

Professor Csermely, in Münster you will talk about talent networks. Why do you think networks are crucial for the development of talents?

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Der ungarische Wissenschaftler Péter Csermely.
As many ECHA members have already documented with decades of experience and research, talent is not only an individual phenomenon. First and foremost, a gifted child, a talented person needs the continuous support of the environment starting from the family, through the teachers and mentors, till the society, Europe and the whole world. Thus a supporting network can magnify the possibilities to help talented people. Moreover, talented people are stimulated by the company of their peers. I am certain that the “flow” defined by Csikszentmihalyi has a part, which can be synchronized. This “community flow” is a feeling, when not only I am OK, but there are many people in my company, who are also OK. In other words: OK-ness may be “contagious”, as it has been shown for happiness (as well as for e.g. smoking) by Christakis and Fowler in their book, Connected.

All these are network phenomena, giving an additional rational to develop talent support networks – also as the network of gifted and talented. Last, but not least, teachers, mentors and volunteers involved in talent support should build their own networks. Such a network can transfer “best practices”. Moreover, this network can prove that the teacher in a small school, who became ostracized by other teachers for her passion of helping the gifted and talented, is not alone, and is helped by many others. All the above forms of network encouragement make miracles.

In your home country Hungary, talent networks have a long tradition. How did it come to this?

If anything is special in Hungary that is the growing talent-awareness and increasing talent support work of many-many hundreds (then: thousands, now: ten-thousands) of good teachers and mentors for decades. A part of this generation-to-generation build-up may come from the history of the country, which is full of sudden and sad experiences. Great-grandfathers and grandma’s learned that the only safe property what you have is in your mind (or voice, or hand, or feet, etc.).

However, what really counts is not history but devotion. When a teacher, a mentor realizes that the talented child gives back much more what was the teacher’s input (in form of enrichment, growth, new ideas, questions and appreciation, to mention only a few), a self-amplifying cycle starts. The teacher’s help is becoming a role-behavior, which may be and later should be copied. Creative-communities are being established, when people just feel well. This is the very same contagious OK-ness, which is the essence of talent support networks. This road is open for anyone. This is what I try to show in my lecture.

The international perspective is a very important issue in your work. How could cross-national cooperations be arranged?

Talent does not know borders. It is the core of creativity that it transcends all boundaries. Talented people find the optimal environment for them. Be it at home, or elsewhere. This is the very first lesson, what we should keep in mind, when thinking about cross-national cooperation in talent support. Moreover, the richness of Europe in best practices of talent support is simply amazing. The more we discover from other countries’ work in the field, the more we become enthusiastic of the cross-national exchange of this tremendously important knowledge. Personal contacts are a key issue. However, in the world of the internet, many parts of the know-how-s can be shared by the Internet.

Importantly, a single occasion is never enough. We should introduce, and then re-introduce partners again and again, and keep this re-introduction (with obvious variations) until a cooperation starts to develop. Later, formal frames of regional talent support councils may also help to maintain contacts and to organize work. The Budapest European Centre of Talent Support, which was established in 2012, and which is led by Csilla Fuszek, is happy to serve this process, and happy to cooperate with any other Centre, groups, or individuals wishing to expand cross-national cooperation in talent support.



Professor Csermely, in Münster werden Sie über Talentnetzwerke sprechen. Warum glauben Sie, dass Netzwerke für die Talententwicklung wichtig sind?

Viele ECHA-Mitglieder haben in ihrer Forschung gezeigt, dass Talent nicht nur ein individuelles Phänomen ist. Zuallererst braucht eine talentierte Person eine kontinuierliche Unterstützung durch seine Umwelt – von der Familie über Mentoren und Lehrer bis hin zur gesamten Gesellschaft. Netzwerke vervielfältigen die Möglichkeiten, begabte junge Menschen zu unterstützen. Dazu kommt: Talentierte Menschen werden durch das Zusammensein mit Gleichgesinnten stimuliert. Ich bin überzeugt, dass der „Flow“ (in der Definition von Mihály Csíkszentmihályi) in der Gemeinschaft synchronisiert werden kann. Dieser “Community Flow” – ich behaupte, er kann wie Glück ansteckend sein – besteht aus dem Erlebnis, ähnlich “tickende” Menschen zu treffen, zu merken, dass etwas gut funktioniert.

All diese Phänomene sind Netzwerk-Phänomene – und sie zeigen, warum wir Netzwerke aufbauen sollten. Dazu zähle ich auch Lehrer, Mentoren und Ehrenamtliche, die in Netzwerken „Best Practice“-Beispiele austauschen können. Lehrer an kleinen Schulen wären auf ihrem Weg, sich besonders für die Talentförderung zu engagieren, nicht länger allein. Ich glaube: Netzwerke können wahre Wunder vollbringen.

In Ihrem Heimatland Ungarn haben Talent-Netzwerke eine lange Tradition. Wie ist es dazu gekommen?

Wenn es einen speziellen ungarischen Aspekt gibt, dann ist das seit Jahrzehnten wachsende Talent-Bewusstsein der vielen guten Lehrer und Mentoren. Diese Aufbauarbeit von Generation zu Generation könnte sich aus der Geschichte des Landes erklären lassen, die voll ist von plötzlichen tragischen Erfahrungen. Die Menschen in unserem Land haben gelernt: Das einzige wirklich sichere Eigentum steckt in unserem Kopf – oder je nach Begabung – eben in unserer Stimme, in unseren Händen.

Viel mehr als die Vergangenheit zählt aber die Hingabe einzelner Personen: Wenn Lehrer realisieren, dass talentierte Schüler mehr zurückgeben (zum Beispiel neue Ideen, Fragen, Anerkennung) als das, was sie an Input bekommen haben, setzt ein sich selbst verstärkender Prozess ein. Die Hilfe des Lehrers kann außerdem als Rollenverhalten später kopiert werden.

Ihnen ist die internationale Perspektive in Ihrer Arbeit besonders wichtig. Wie könnten länderübergreifende Kooperationen gestaltet werden?

Talent und Kreativität kennen keine Grenzen. Talentierte Menschen finden das optimale Umfeld für sich, sei es zuhause oder an einem anderen Ort auf der Welt. Daran sollten wir immer denken, wenn wir über länderübergreifende Kooperationen in der Talentförderung sprechen. Darüber hinaus ist die Vielfalt von guten Praxisbeispielen in der Talentförderung in Europa einfach erstaunlich. Je mehr wir auf diesem Gebiet von anderen Ländern erfahren, desto besser. Der Schlüssel dazu ist natürlich der persönliche Kontakt. Aber in der Welt des Internets kann Wissen auch sehr einfach online geteilt werden.

Ich finde es wichtig, dass es in der Zusammenarbeit nicht bei singulären Projekten bleibt. Wir sollten unsere Partner immer und immer wieder in unsere Arbeit miteinbeziehen – bis eine echte Kooperation daraus erwächst. Darauf aufbauend können formale Rahmen und feste Regeln dabei helfen, Kontakte aufrechtzuerhalten und Arbeit zu organisieren. Das „Budapest European Centre of Talent Support” freut sich über länderübergreifende Kooperationen in der Talentförderung.