„Manchmal beschäftigt man sich tagelang mit einer Aufgabe“

Interview mit Nachwuchsmathematikerin Martha Friederich

Ihre erste Teilnahme an der European Girls‘ Mathematical Olympiad (EGMO) in den Niederlanden hatte Martha Friederich eigentlich fest eingeplant. Doch dann schien die Corona-Pandemie dem 16-jährigen Mathe-Talent aus Bad Homburg einen Strich durch die Rechnung zu machen. Statt jedoch alles abzusagen, verlegten die Organisatoren das Nachwuchsturnier mit 200 Schülerinnen kurzerhand ins Internet. Ein Experiment, das sich auszahlte – auch für Martha, die prompt eine Bronze-Medaille gewann.
EGMO 2020: Medaillenregen für junge Mathematikerinnen

EGMO 2020: Medaillenregen für junge Mathematikerinnen

Bei der European Girls' Mathematical Olympiad 2020 (EGMO), einem internationalen Turnier für mathematisch begabte Schülerinnen, hat das deutsche Team eine Silber- und drei Bronze-Medaillen geholt. Der Wettbewerb fand in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie ausschließlich virtuell statt.

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Die European Girls‘ Mathematical Olympiad (EGMO)

Die European Girls‘ Mathematical Olympiad (EGMO)

Die European Girls‘ Mathematical Olympiad (EGMO) ist ein internationaler Mathematikwettbewerb für mathematisch begabte Schülerinnen, der in Form und Ablauf an die Internationale Mathematik-Olympiade angelehnt ist. Seit 2012 nehmen jährlich über 50 Länder an dem Nachwuchsturnier teil. Jedes Land kann maximal vier Schülerinnen ins Rennen schicken. In Deutschland organisieren die Bundesweiten Mathematik-Wettbewerbe des Talentförderzentrums Bildung & Begabung und das Hausdorff Center for Mathematics der Universität Bonn die Auswahl und Vorbereitung des deutschen Teams.

www.egmo.org

Welttag der Frauen in der Mathematik am 12. Mai

Der 12. Mai ist der Geburtstag von Maryam Mirzakhani (1977-2017), der ersten (und bisher einzigen) Frau, die mit einer Fields-Medaille ausgezeichnet wurde. Am 12. Mai finden weltweit Veranstaltungen statt, die Frauen in der Mathematik sichtbar machen und feiern. Zur Website

Patrick Bauermann

Patrick Bauermann

  • Leiter Bundesweite Mathematik-­Wettbewerbe
  • (02 28) 959 15-20

Matthias Bunk

Matthias Bunk

  • Projektleiter Kommunikation
  • (0228) 959 15-61

Liebe Martha, herzlichen Glückwunsch zu Bronze! Da die EGMO in diesem Jahr ausschließlich virtuell stattfand: Wie hast Du die Medaille überreicht bekommen?
Die Medaillen werden per Post zugeschickt. Das kann aber noch ein wenig dauern, da wegen der geltenden Hygiene-Maßnahmen momentan die Pakete mit den Medaillen nicht gepackt werden können.

Wie hast Du Dich überhaupt für die EGMO qualifiziert?
Ende letzten Jahres habe ich zum ersten Mal die Klausuren für die Vorauswahl zur Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO) mitgeschrieben. Ich wusste, dass auch die Teilnehmerinnen der EGMO über diesen Weg ausgewählt werden. Aber ich habe mir nicht allzu große Chancen ausgerechnet. Es lief jedoch ganz gut und im Januar erfuhr ich dann, dass es für die Teilnahme gereicht hat.

Hast Du Dich auf deine Teilnahme an dem Turnier speziell vorbereitet?
Im März nahm ich an einem Vorbereitungsseminar in Bonn teil. Dort habe ich auch die anderen drei Teilnehmerinnen aus dem deutschen Team getroffen. Es war sehr cool, zusammen in einer so kleinen Gruppe zu arbeiten. Ich hatte vorher bereits an Mathe-Seminaren teilgenommen, aber immer mindestens mit 40 anderen Teilnehmern. Wenn man nur zu viert ist, kann man sich ganz anders vorbereiten.

Wie läuft so ein Mathe-Trainingslager genau ab?
Man beschäftigt sich mit verschiedenen mathematischen Themengebieten und lernt, wie die Wettbewerbsaufgaben typischerweise aufgebaut sind und welche Lösungsstrategien es gibt. Die Unterrichtenden sind meist ehemalige IMO-Teilnehmer, also richtige Profis, die sehr erfolgreich sind. Man hat aber auch ausreichend Freizeit, um abzuschalten und zum Beispiel zusammen Karten zu spielen. Das ist wichtig. Schließlich kann man sich nicht den ganzen Tag auf Mathe konzentrieren.

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Für Deutschland bei der ersten virtuellen EGMO erfolgreich: Martha Friederich (ganz rechts) zusammen mit ihren EGMO-Team-Kolleginnen Maria Matthis (zweite von links), Sofia Zotova (Mitte), Xenia Wagner (zweite von rechts) und Delegationsleiterin Susanne Armbruster (ganz links)


Warst Du enttäuscht, dass die EGMO nicht wie geplant in den Niederlanden, sondern „nur“ virtuell stattfinden konnte?
Am Anfang war ich schon enttäuscht, weil es ja meine erste EGMO war. Denn es ist schon etwas Besonderes, in einem anderen Land an einem internationalen Turnier teilzunehmen und so auch persönlich die anderen Teilnehmerinnen sowie die Kultur des Landes kennenzulernen. Letzten Endes bin ich aber sehr froh, dass der Wettbewerb trotzdem stattgefunden hat, weil man ja vor allem die Klausuren schreiben und Ergebnisse erzielen möchte, was auch online funktioniert. Nächstes Jahr habe ich außerdem die Möglichkeit, mich nochmal zu qualifizieren und dann an der EGMO 2021 in Georgien teilzunehmen.

Was ist Deine schönste Erinnerung an die virtuelle EGMO?
Einerseits natürlich die Abschlusszeremonie, die per YouTube-Livestream stattfand und bei dem auch die Preisträgerinnen verkündet wurden. Auch deswegen, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass ich tatsächlich eine Medaille gewinnen würde. Während der EGMO gab es außerdem ein Online-Rahmenprogramm, um mit den anderen Teilnehmerinnen in Kontakt zu kommen, etwa über Instagram. So habe ich zum Beispiel ein Mädchen aus der Ukraine kennengelernt.

Hast Du eine Empfehlung für diejenigen Nachwuchsmathematikerinnen, die auch mal bei einer EGMO teilnehmen möchten?
Das Wichtigste ist, dass man Begeisterung für die Mathematik mitbringt. Man sollte außerdem über eine recht hohe Frusttoleranz verfügen, weil man sich manchmal Tage oder sogar Wochen mit einer Aufgabe beschäftigt, ohne sie zu lösen. Es hilft auch, gezielt die Sachen zu üben, die einem nicht so leichtfallen. Mir ist auch nicht alles zugeflogen. Geometrie zum Beispiel konnte ich früher überhaupt nicht gut.

Interview: Matthias Bunk, Foto: privat
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