"Als Kind hätte ich mir nicht vorstellen können, einmal Astronaut zu werden"

Interview mit ESA-Astronaut Matthias Maurer

Als kleiner Junge wollte er Jetpilot werden. Heute trainiert er für den Flug ins All. Ein Gespräch mit ESA-Astronaut Matthias Maurer über Traumberufe, komplizierte Auswahlverfahren, die Bedeutung von Mathematik und Fremdsprachen in der Raumfahrt – und Helene Fischer.

Jahresbericht 2018/19 "I Did It My Way"

Wo will ich hin? Was sind meine Stärken? Welcher Weg passt zu mir? Diese Fragen stellen sich insbesondere junge Menschen, wenn sie vor wichtigen Weichenstellungen wie ihrer Schul- und Berufswahl stehen. Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, welche der zahlreichen Möglichkeiten zur eigenen Persönlichkeit passt. Den einen Weg gibt es dabei nicht. Vielmehr kommt es darauf an, verschiedene Optionen auszuprobieren, über den eigenen Tellerrand zu schauen, Chancen zu erkennen und zu ergreifen. In unserem Jahresbericht geben wir diesen verschiedenen Talentpfaden Gesichter. Es sind Gesichter von Menschen, die für unterschiedliche Lebensverläufe stehen – frei nach der Devise: „I Did It My Way“.

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Astronaut zu werden ist für viele Kinder ein Traumberuf. Was wollten Sie werden, als Sie klein waren?
Als Kind habe ich mir nicht vorstellen können, einmal Astronaut zu werden. Ich habe zwar im Fernsehen mitverfolgt, wie Ulf Merbold als erster westdeutscher Astronaut mit dem Spaceshuttle in den Weltraum geflogen ist. Aber für mich war das zu weit weg. Ich stamme aus dem Nordsaarland, das war damals Tieffluggebiet der Amerikaner. Mein Traum war es deshalb, Düsenjetpilot zu werden.

Wie wurde aus dem Traum, Düsenjetpilot zu werden, der Plan, Astronaut zu werden?
Diese beiden Träume sind unabhängig voneinander, verbinden aber den Wunsch, die Erde von oben zu sehen und sie dadurch besser zu verstehen. Astronaut zu werden kann man heutzutage leider noch nicht planen. Das sollte aber niemanden davon abhalten, davon zu träumen.

Für viele Menschen bleibt der Astronautenberuf tatsächlich ein Kindheitstraum. Bei Ihnen aber hat es geklappt. Unter anderem haben Sie sich gegen rund 8.500 Mitbewerber durchgesetzt. Wie haben Sie das geschafft?
Als die Europäische Weltraumagentur ESA im Jahr 2008 Astronauten gesucht hat, war für mich sofort klar: Das passt zu mir, das ist genau mein Ding. Raumfahrt verbindet für mich Teamwork, Wissenschaft, Spitzentechnik und internationales Arbeiten. Mit etwas Glück habe ich mich damals im Aufnahmeverfahren durchsetzen können. Das war auch der schwierigste Teil. Astronaut zu sein ist dagegen leichter. Das Schöne ist: Sobald man ausgewählt ist, gibt es ein Ausbilderteam, das maßgeschneidert die Ausbildung gestaltet. Wenn ich etwas nicht verstehe, wird es mir zwei- oder dreimal erklärt. Das ist ein Luxus, den das normale Bildungssystem hierzulande nicht leisten kann – das wäre viel zu personalintensiv.

Ingenieurwissenschaften, Chemie, Physik …: Wer Astronaut werden möchte, muss sich in einer Vielzahl von Disziplinen auskennen. Welche Rolle spielen dabei Mathe-Kenntnisse?
Zum Glück müssen wir als Astronauten keine mathematischen Beweise führen. Die Mathematik war aber ganz wichtig in den Ursprüngen der Raumfahrt. Damals wusste man noch nicht, was beim Eintritt in die Atmosphäre genau passiert, wie man die Flugbahn eines Raumschiffes genau berechnet. Zu Beginn der 1960er-Jahre, als die Computer gerade erst entstanden, hatte man menschliche Computer – also Mathematiker. Mathematik ist also die Grundlage dafür, dass wir Raumfahrt machen können.

Woraus besteht der Anzug von Astronauten? Welches Training müssen angehende Weltraumfahrer absolvieren? Wie können auch Studenten die Weltraumwissenschaft voranbringen? ESA-Astronaut Matthias Maurer erzählte bei der Preisverleihung des Bundeswettbewerbs Mathematik Spannendes aus dem Astronauten-Alltag. © Talanx AG


Sie sprechen mehrere Sprachen – unter anderem Englisch, Spanisch und Russisch. Warum ist es wichtig, als Astronaut so viele Fremdsprachen zu beherrschen?
Wir fliegen zurzeit mit russischen Raumkapseln – und die Anleitung dafür ist natürlich auch in Russisch. Jeder Astronaut, der mit einer Sojus-Rakete fliegt, muss deshalb ein Mindestniveau in dieser Sprache haben. Gleichzeitig versuchen wir, eine Kooperation mit China in Gang zu setzen. Daher lerne ich auch Chinesisch und bin einer von nur zwei ausländischen Astronauten, die bisher in China zusammen mit chinesischen Raumfahrern trainieren durften. Mein Chinesisch ist noch ausbaufähig, aber für ein Überlebenstraining reicht es.

Was lernt man sonst noch in der Astronauten-Ausbildung?
Den Umgang mit der Schwerkraft und Schwerelosigkeit zum Beispiel. Hier auf der Erde wiege ich 75 Kilo – auf dem Mond würde ich aber nur zwölfeinhalb Kilo wiegen. Das macht das Arbeiten auf dem Mond komplizierter. Deswegen versuchen wir, in unserer neuen Mondtrainingsanlage ein System aufzubauen, das uns ähnlich wie der über die Bühne schwebenden Helene Fischer erlaubt, an Seilen zu hängen und dadurch weniger zu wiegen. Richtig schweben werden wir aber im Mondtraining nicht.

Und wann soll es dann ins All gehen?
Ich hoffe, dass es 2021 klappt. Als Europäer haben wir aber immer nur einen Flug pro Jahr. Wir sind sieben Personen in unserem Team und jeder hofft natürlich, der Nächste zu sein.

Was würden Sie denjenigen raten, die auch von einer Laufbahn als Raumfahrer träumen?
Ich habe mich zwar gegen Tausende Mitkandidaten durchgesetzt. Das heißt aber nicht, dass die anderen Bewerber nicht auch geeignet gewesen wären. Im Gegenteil: Ich würde sogar behaupten, dass alle gute Astronauten geworden wären. Die Ausbildung nach dem Auswahlverfahren macht den Unterschied. Solange man gesund ist, zwei Arme und zwei Beine hat, kann man in den Weltraum fliegen. Der Hauptgrund, warum bisher noch nicht viel mehr Menschen ins All gestartet sind, sind die hohen Kosten. Wir fliegen mit Raketen, die nur ein einziges Mal verwendet werden können. Das ist ein bisschen so, als wenn ich in ein Flugzeug steigen würde, nach Mallorca in die Sommerferien reise und dann das Flugzeug wegschmeiße. In der Zukunft, wenn die Raumfahrt bezahlbarer wird, werden viel mehr Menschen in den Weltraum fliegen. Daher möchte ich jedem raten, der selbst davon träumt, Astronaut zu werden, zunächst eine gute Ausbildung abzuschließen und das zu tun, was einem Spaß und Freude bereitet. Falls es dann wieder eine Astronautenauswahl gibt, sollte man versuchen, sich den Traum zu erfüllen – aber nicht zu enttäuscht sein, wenn einem das Quäntchen Glück bei der Auswahl fehlt.
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