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»In zu klarem Wasser gibt es keine Fische«

Alumnus Simon Hornstein im Porträt

Simon Hornstein hat 2005 den Bundeswettbewerb Fremdsprachen (#BWFS) mit Chinesisch gewonnen – und damit ein Sprachstipendium in Peking. Die „Science Academy Baden-Württemberg" (#DJA) und die Deutsche SchülerAkademie (#DSA) markierten weitere Stationen während seiner Schulzeit. Heute lebt und arbeitet der 24-Jährige in Peking.

Bundeswettbewerb Fremdsprachen

Französisch, Russisch, Latein? Auch wer sich für andere Sprachen
als Chinesisch begeistert, kann am Bundeswettbewerb Fremdsprachen (#BWFS) teilnehmen. Mehr als 14 verschiedene Fremdsprachen stehen zur Auswahl. Im Sommer jeden Jahres wird die neue Runde des #BWFS ausgeschrieben.

Weitere Infos finden Sie auf der Homepage des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen.

Deutsche SchülerAkademie

Forschen, Diskutieren, Musizieren: Die Deutsche SchülerAkademie (#DSA)
bringt besonders begabte und leistungsbereite junge Menschen in den Sommerferien zusammen.

Alle Standorte, Termine und Ansprechpartner gibt es auf der Website der #DSA.

Peking, Business District: Im 2. Stock eines Studios umgeben von Wolkenkratzern konferieren Investmentbanker. Sie diskutieren über Potenziale, Renditen und Risiken neuer Anlageprojekte. Wer ihnen zuhört, kann feststellen, dass hier Experten fachsimpeln, die asiatische und globale Finanzmärkte seit Jahren beobachten. Und dass einer von ihnen das im Norden typische Hochchinesisch mit leichtem Akzent spricht.

„Die meisten Leute verorten mich in den Süden Chinas, wenn sie mich sprechen hören“, erklärt Simon Hornstein. Dass der Investmentbanker in Peking eigentlich aus dem Süden Deutschlands kommt, merkt zumindest am Telefon niemand. Genauso wenig lassen seine Stimme und sein profundes Finanz-Know-how erahnen, dass der Mann am anderen Ende der Leitung gerade mal 24 Jahre alt ist.

Faszination China

Es scheint fast, als sei Simon Hornstein seiner Zeit ein wenig voraus. Immer ein wenig schneller, auf der Suche nach einem bisschen mehr, wo andere längst zufrieden sind. Deshalb fasziniert ihn das schnelle Wachstum Chinas. Die Intensität, in der Arbeit und Leistung hier den Alltag bestimmen. Und das energiegeladene Veränderungspotenzial, das die Volksrepublik zurzeit umkrempelt. Deshalb hat er schon mit zwölf Jahren das erste Mal neugierig in einem Chinesisch-Buch geblättert. Und deshalb ist er direkt nach dem Studium dort, wo es viele erst nach jahrelanger Berufserfahrung hinführt. Dort, wo sich die Wirtschaft gerade neu erfindet und die Tektonik internationaler Märkte in Bewegung gerät. Simon Hornstein fühlt sich inzwischen zu Hause in Peking.

Simon Hornstein lebt und arbeitet in Peking.
Als 14-Jähriger war er das erste Mal in der chinesischen Hauptstadt: mit einem Stipendium für einen Sprachkurs an der Bejing Language and Culture University – dem ersten Preis für besondere Chinesisch-Leistungen im Bundeswettbewerb Fremdsprachen (#BWFS). „Wäre es nicht dieser Preis von Bildung & Begabung und der chinesischen Botschaft gewesen, hätten meine Eltern wohl nie zugestimmt, mich mit 14 allein nach China gehen zu lassen“, ist sich Hornstein sicher. Dann würde er heute vielleicht in Berlin statt in Peking arbeiten. Denn bei genau diesem Aufenthalt packte den Schüler aus Baden-Württemberg die Faszination für das Land, seine Kultur, seine Schnelligkeit. Seitdem stand für ihn fest, dass dieses Land genau in seinem Takt pulsiert und dass er zurückkehren würde.

Neben der Schule belegt Simon Hornstein Kurse in chinesischer Geschichte und Sinologie an der Universität Tübingen. In den Ferien nimmt er an der Science Academy in Baden-Württemberg (#DJA) und später an der Deutschen SchülerAkademie in Hilden (#DSA) teil. Zwischendurch besucht er immer wieder seine chinesischen Freunde, die er während seines ersten Aufenthaltes im Land des Lächelns kennengelernt hat. Direkt nach dem Abi absolviert er einen zwölfmonatigen Zivildienst in einem kulturellen Austauschzentrum in Peking. Seinen BWL-Studienplatz an der Otto Beisheim School of Management (WHU) und das Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes sind zu diesem Zeitpunkt schon unter Dach und Fach. Die Semesterferien an der WHU sind für viermonatige Praktika reserviert: Statt Urlaubseindrücke sammelt der Student im Sommer Arbeitserfahrungen: in der Internet- und der Counsulting-Branche – beide Male in Peking. Fast ohne Pause greift immer eine Station in die nächste. Noch bevor der Absolvent sein Bachelor-Zeugnis in den Händen hält, hat er einen Job in einem Finanz-Start-up in Malaysia. Er verantwortet das chinesische Geschäft in Kuala Lumpur. „Südostasien war eine neue und spannende Erfahrung“, meint Simon Hornstein heute, „war aber nicht mein Ding“. So zieht es ihn wenige Monate später wieder nach Peking. Neue Stelle – neue Märkte – neue Herausforderungen. Was andere stressen würde, ist für Simon Hornstein genau richtig.

In der chinesischen Kultur zuhause

So wie der Work-Life-Rhythmus in China: Ein typischer Arbeitstag beginnt für den 24-Jährigen morgens um neun. Am Vormittag werden Nachrichten und Projektreports analysiert und im Kollegenkreis diskutiert. Dann Business Lunch mit Geschäftspartnern. Am Nachmittag berechnen die Banker Finanzierungsmodelle, besprechen sich mit anderen Büros oder sind bei Projekten vor Ort.

Zum Dinner oder abendlichen Tee um 22 Uhr stehen häufig weitere Gespräche mit Geschäftspartnern an. Nicht selten kommt Simon Hornstein erst weit nach Mitternacht zurück in seine Wohnung. Den Großteil seiner Zeit verbringt er mit seinen Kollegen. Gearbeitet wird von Montag bis Sonntag, echte Freizeit ist rar. Die Kollegen sind gleichzeitig das private Umfeld – und Bekannte seines Chefs inzwischen auch seine Freunde: „Hier in China verschwimmt die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit viel mehr als in Deutschland“, erklärt Hornstein. „Das muss man mögen.“ Sie verschwimmt sogar so weit, dass das achtköpfige Team seiner Investmentbank gemeinsam zum chinesischen Mediziner geht, um die schreibtischgeplagten Bandscheiben wieder in Position drücken zu lassen. „Und das Witzige ist“, fügt Hornstein hinzu, „wir sitzen dann auch alle zusammen im Behandlungszimmer.“ Generell sei man in China eigentlich nie allein mit Ärzten. „Da sitzen immer ein paar Leute dabei, die das spannend finden, was die Ärzte machen – und das ist auch für alle ganz normal.“

Je länger man Simon Hornstein zuhört, desto deutlicher wird, wie sehr der gebürtige Sindelfinger bereits in der chinesischen Kultur zu Hause ist. Durch seinen Chef hat er die Faszination für chinesische Antiquitäten entdeckt. „Viele Geschäftsleute üben morgens ein bis zwei Stunden chinesische Kalligrafie“, erzählt er. Diese Kunst, Emotionen und Ästhetik im Schriftbild sichtbar zu machen, oder die traditionellen Teezeremonien würde Simon Hornstein auch gerne erlernen. Gerade fehlt ihm hierfür die Zeit. Gestresst oder ausgelaugt fühlt er sich allerdings keineswegs.

"Ein Wort für ,Streber‘ gibt es im Chinesischen nicht."

Im Gegenteil. Simon Hornstein fasziniert die fernöstliche Kultur, mag das Tempo – und das chinesische Verständnis von Leistung. Hier gebe es zwar weniger kreative Talentförderprogramme wie den #BWFS oder „Jugend debattiert“ in Deutschland. Die Chinesen seien viel stärker auf die klassischen Fähigkeiten z. B. im schulischen oder musikalischen Bereich fokussiert. Dennoch – was Simon Hornstein antreibt, ist das Klima in der gesamten Gesellschaft, die Talente viel stärker fördert und Stärken mehr anerkennt: „Hier ist jeder stolz darauf, wenn er etwas besonders gut kann. Ein Wort für ,Streber‘ gibt es im Chinesischen nicht. Gute Leistungen stehen vielmehr für gesellschaftlichen Aufstieg.“ Neben all der Tradition sind Veränderung und Verbesserung Werte, die den Pulsschlag Chinas bestimmen. Und eben deshalb ist Simon Hornstein hier.

Nach seinem Abschluss hatte er Job-Angebote von verschiedenen Großunternehmen aus Deutschland. Bei diesen hätte er aber erst mehrere Jahre in Deutschland arbeiten müssen, bevor er die Chance gehabt hätte, als „Expat“ in eine chinesische Niederlassung zu wechseln. Das dauerte Simon Hornstein zu lange. Er wollte direkt nach China. Wollte da sein, während an den Börsen in Fernost so viel passiert. Wollte ganz in die chinesische Kultur eintauchen, statt irgendwann später als deutscher Manager nach China zu kommen. Dafür ist er selbst das Risiko eingegangen, für eine junge chinesische Investmentbank zu arbeiten statt für bekannte deutsche Marken.

„In zu klarem Wasser gibt es keine Fische“. Im Chinesischen ist diese Weisheit ein einziges Wort – 水至清则无鱼 – und gleichzeitig Simon Hornsteins Lieblingsvokabel. Für das Abenteuer China nimmt Simon Hornstein unklares Wasser in Kauf – oder besser gesagt unklare Luft in Peking. Denn die sei in der chinesischen Metropole schon deutlich verschmutzter, als man es in Deutschland gewohnt sei. Er geht seinen Weg – zielstrebig, erfolgreich, auf chinesische Art. So fühlt es sich richtig an für Simon Hornstein – erfordert aber auch jede Menge Mut: wie mit 14 alleine nach Peking zu reisen.
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