Tim Achtermeyer macht Schule

Politikwissenschaftler leitet Workshop bei der TalentAkademie

In ganz Deutschland demonstrieren derzeit Schüler bei den „Fridays for Future“ für eine neue Klimapolitik. Der 25-jährige Tim Achtermeyer aus Bonn ist in seiner Schulzeit auch auf die Straße gegangen. Heute setzt er sich als Kommunalpolitiker dafür ein, dass Jugendliche in der Schule mehr Mitbestimmungsrechte bekommen. Seine Begeisterung für politische Kampagnen möchte er im Sommer bei der TalentAkademie weitergeben.
Die TalentAkademie

Die TalentAkademie

Potenziale und Talente entdecken, neue Themen und Arbeitsweisen kennenlernen? Die TalentAkademie von Bildung & Begabung lädt Schüler aller Schulformen dazu ein, gemeinsam zu forschen und zu experimentieren und greift hierbei unterschiedliche Bildungswege und Talente als Bereicherung auf. Das Angebot findet in den Sommerferien in der Seeschule Rangsdorf bei Berlin sowie im Jugendhaus St. Kilian im fränkischen Miltenberg statt und richtet sich an Schüler der 8. und 9. Klasse aller Schulformen. Zur Website

Ulrike Leikhof

Ulrike Leikhof

  • Leiterin Akademien
  • (02 28) 959 15-70

Matthias Bunk

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  • Projektleiter Kommunikation
  • (0228) 959 15-61

Fast jeder kennt sie, diese großen, wichtigen Momente im Leben. Wenn Dinge passieren, die einen die Welt auf einmal mit anderen Augen sehen lassen. Wenn sich plötzlich neue Wege auftun, die man vorher noch nicht gesehen hat. Für Tim Achtermeyer war ein solch einschneidendes Erlebnis ein halbjähriger Aufenthalt in Kanada. Der gebürtige Mönchengladbacher, der in Bonn aufgewachsen ist und dort das Gymnasium besuchte, vermisste in seiner Schulzeit ausreichend kreative Freiräume. Ganz besonders nervte ihn der ständige Prüfungsdruck: „In vielen Klassenräumen in Deutschland riechst du eine Kombination aus Tafelkreide und Angstschweiß.“ Als Austauschschüler in Vancouver merkte Tim dann plötzlich: Es geht auch anders. Statt ständig für die nächste Klassenarbeit zu pauken, durfte er auf einmal diejenigen Fächer vertiefen, die im Spaß machten und in denen er gut war, konnte neue Dinge ausprobieren und entdeckte, wo seine Stärken und Talente lagen. Tims Fazit: „Ich finde es cool, überall mal reinzuschnuppern. Insgesamt war die Schule in Kanada viel mehr Lebens- als Lernort.“

Dass man selbst Dinge verändern kann, merkte Tim kurze Zeit nach seiner Rückkehr aus Vancouver. Beim Bildungsstreik im Nordrhein-Westfalen organisierte er 2011 mit einer Handvoll Mitstreitern Demonstrationen, forderte mehr Partizipationsmöglichkeiten für Schüler und saß für die Bezirksschülervertretung im Bonner Schulausschuss. Eine zweite, entscheidende Erfahrung und der Grundstein für eine politische Karriere, die 2014 mit Tims Wahl in den Rat der Stadt Bonn ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Dort setzt sich der mittlerweile 25-Jährige, der nach einem Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft nun im Master studiert, als Vorsitzender des Schulausschusses für eine bessere Bildungspolitik ein.

„Reproduzierendes Wissen braucht man in der Schule nicht zu lernen“

Vor allem die Vorbereitung von Jugendlichen auf die (digitale) Welt von morgen liegt dem Nachwuchspolitiker am Herzen: „Reproduzierendes Wissen braucht man in der Schule nicht zu lernen. Das können Computer viel besser als wir. Was man heute braucht, sind Kreativität, soziale Kompetenzen, sind Grundlagen auch in der Informatik und Programmierung. Aber das kommt aktuell im Unterricht viel zu kurz.“

Tim fordert deshalb, das Schulsystem in Deutschland gründlich zu reformieren. Die Zahl der Klassenarbeiten würde er gerne reduzieren, um so den Schülern den permanenten Leistungsdruck zu nehmen. Auch die Lehrpläne sollten entlüftet werden, „um mehr Platz für aktuelle Themen zu haben.“ Außerdem wünschte er sich, dass Schulen mehr Freiheiten bekommen, um mit Lehrern und Schülern abgestimmte, individuelle Schulkonzepte zu entwickeln. Denn vor allem ein Aspekt ist für ihn zentral, wenn es um die Schule der Zukunft geht: Die Möglichkeit, selbst Dinge gestalten zu können. „Meine Erfahrung war immer: Wenn ich daran teilhaben konnte, was ich machen soll, dann war ich auch motivierter, es zu machen.“

Als Workshop-Leiter zur TalentAkademie

Die Schüler-Demonstrationen bei den „Fridays for Future“ verfolgt Tim vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen als Aktivist natürlich aufmerksam. Seine Meinung: Um Dinge zu verändern, bedürfe es manchmal ungewöhnlicher Maßnahmen. Mit Blick auf die Anforderungen der neuen Arbeitswelt seien die Kundgebungen für die jugendlichen Organisatoren ein ideales Feld, um wichtige Kompetenzen wie Organisationsfähigkeit oder Kommunikations-Skills zu trainieren.

Hat man eigentlich selbst noch Träume, wenn man mit 25 Jahren schon so viel erlebt hat? Tim muss nicht lange überlegen: Einen Fallschirmsprung möchte er unbedingt noch wagen. Warum gerade dieser Extremsport? „In der Politik wird dir beigebracht, die Kontrolle zu behalten. Das Sich-Fallen-lassen wird dir ausgetrichtert. Davon möchte ich mich aber möglichst lossagen.“ Erst einmal steht aber ein anderes Experiment ins Haus. Bei der TalentAkademie von Bildung & Begabung in Miltenberg wird er im Sommer ein Politik-Projekt leiten und den teilnehmenden Acht- und Neuntklässlern zeigen, wie man eine Kampagne gestaltet und organisiert: „Ich will den Jugendlichen das Gefühl vermitteln: Geil, das haben wir jetzt gerade auf die Beine gestellt!“
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