„Bildung ist der wichtigste Schlüssel zur Selbstbestimmung“

Interview mit der Lehrerin und Bildungsaktivistin Gloria Boateng

Als Kind zog Gloria Boateng von einem kleinen Dorf in Ghana nach Hamburg. Trotz des anfänglichen Kulturschocks, zahlreicher persönlicher Schicksalsschläge und rassistischer Angriffe machte sie eine erfolgreiche Karriere als Lehrerin und Fitnesstrainerin. Heute hilft sie benachteiligten Jugendlichen dabei, ihren eigenen Weg im Leben zu finden – zum Beispiel bei der VorbilderAkademie von Bildung & Begabung.
VorbilderAkademie

VorbilderAkademie

Welche Chancen habe ich nach dem Schulabschluss? Wo kann man sich über verschiedene Berufsfelder informieren? Und welche interessanten Studiengänge gibt es? Die VorbilderAkademie unterstützt Jugendliche mit Migrationshintergrund, individuelle Bildungswege zu entdecken und herauszufinden, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen.

mehr
Gloria Boateng: Mein steiniger Weg zum Erfolg

Gloria Boateng: Mein steiniger Weg zum Erfolg

In ihrer Autobiografie beschreibt Gloria Boateng ihren facettenreichen Lebensweg. Ihre Botschaft: Gib dich nicht auf! Lernen ist überlebenswichtig - auch und erst recht in hochindustrialisierten Gesellschaften. Bildung ist der Schlüssel zu allem!

SchlauFox

SchlauFox

SchlauFox e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und anerkannter Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Der Verein wurde 2008 von acht Studierenden unterschiedlicher Herkunft gegründet. SchlauFox hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder und Jugendliche auf ihrem individuellen Bildungsweg zu begleiten. Zur Website

Ulrike Leikhof

Ulrike Leikhof

  • Leiterin Akademien
  • (02 28) 959 15-70

Matthias Bunk

Matthias Bunk

  • Projektleiter Kommunikation
  • (0228) 959 15-61

Frau Boateng, mit zehn Jahren kamen Sie aus Ghana nach Hamburg. Was waren die Gründe für den Umzug?
In Ghana lebte ich in sehr armen Verhältnissen bei meiner Oma, die viele Kinder hatte. Wir hatten weder ausreichend finanzielle Mittel für mehrere Mahlzeiten am Tag noch für die Schulgebühren. Meine Mutter und mein Großvater mütterlicherseits lebten zu dem Zeitpunkt schon einige Jahre in Deutschland und unterstützten uns so gut es ging. Irgendwann entschieden sie, mich nach Deutschland zu holen, damit ich eine bessere Bildung und mehr Zukunftsmöglichkeiten bekomme.

Die ersten Jahre in Hamburg waren für Sie von mehreren einschneidenden Erlebnissen geprägt: Zuerst wurde Ihre Mutter nach Ghana abgeschoben, dann starb Ihr Großvater. Sie selbst wurden immer wieder Opfer von rassistischen Angriffen. Was hat Ihnen geholfen, in dieser schweren Zeit durchzuhalten?
Ich war selten in meinem Leben so verzweifelt wie in dieser Phase. Geholfen hat mir der tiefe Glaube daran, dass das Leben es an sich gut mit mir meint, nur einige Menschen nicht. Außerdem bin ich gottesgläubig und es gibt mir ein gutes Gefühl, dass mir zwar viel aufgebürdet wird, aber dass Gott mir auch hilft, die Bürde zu tragen. Ein afrikanisches Sprichwort, mit dem ich aufgewachsen bin, besagt: „Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich“. Ich habe früh gelernt, dass es eine Frage der Entscheidung, der Positionierung, der Ausrichtung ist, wie mein Leben verläuft. Das, was ich nicht ändern kann, muss ich so hinnehmen. Aber das, was in meinen Händen liegt, muss ich aktiv gestalten. Das habe ich immer getan. Und nicht zuletzt ist es immer hilfreich, wohlwollende Menschen an der Seite zu haben, die mit einem Lächeln, einer Umarmung, aufmunternden Worten, einem leckeren Essen oder anderen wohltuenden Dingen unterstützen. Solche Menschen haben mich zum Glück auch auf meinem Weg begleitet.

Obwohl Sie ursprünglich nur eine Hauptschulempfehlung hatten, haben Sie Abitur gemacht, wurden in Studienstiftung des deutschen Volker aufgenommen und arbeiten seit 2012 als Lehrerin. Welche Rolle spielt Bildung für Sie?
Bildung ist der wichtigste Schlüssel zur Selbstbestimmung. Ein Leben in Bildungsarmut geht oft einher mit einem Leben in sozialer, gesellschaftlicher Isolation und auch finanzieller Armut. Bildung und das Erlangen von Wissen und Erkenntnissen ermöglicht es, das Leben selbst zu gestalten. Man kann entscheiden, was man studieren oder welche Ausbildung man absolvieren will, welchen Beruf man ausüben will, man steht vor weniger Schranken als andere. Eine höhere Bildung ermöglicht einem höheren Verdienst. Und nicht zuletzt ist Bildung der Wegbereiter für die eigenen Kinder und Kindeskinder.

Was bedeutet das für die Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen?
Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche, die nicht mit dem Privileg eines bildungsnahen und finanzstarken Elternhauses gesegnet sind, zu begleiten, ihnen Partizipation zu ermöglichen, ihnen ihre Möglichkeiten in der Gesellschaft aufzuzeigen und sie zu motivieren, sich hohe Bildungsziele zu stecken und zu erreichen. Denn Bildungsarmut vererbt sich genauso wie finanzieller Reichtum.

Vergrößern
Gloria Boateng mit Schülern der Hannah-Arendt- Schule in Flensburg
Und machen wir uns nichts vor: Wenn wir als Gesellschaft bei diesen Kindern und Jugendlichen versagen, fällt es auf uns zurück. Gesellschaftliche Teilhabe ist ein Grundrecht eines jeden Menschen – und das geht mit Bildung einher. Deswegen ist es mir wichtig – für die einzelne Person, aber auch für uns als Gesamtgesellschaft – mich in diesem Bereich zu engagieren.

Der Titel Ihrer kürzlich erschienen Autobiografie lautet „Mein steiniger Weg zum Erfolg“. Was macht für Sie einen erfolgreicher Lebensweg aus?
Erfolg ist etwas Individuelles. Ich habe in meinem Kampf für eine bessere Zukunft Vieles bewältigt: Ich habe in einem fremden Land die Sprache innerhalb kürzester Zeit fließend erlernt, unter schwierigen Umständen als Pflegekind in einer Familie gelebt, die höchste Schulqualifikation erworben. Ich habe komplett auf mich allein gestellt meine Tochter zu einem guten Menschen großgezogen und es geschafft, ihr die Werte vermitteln, die mir selbst so wichtig sind. Ich konnte in den richtigen Momenten meinen Stolz und meine Scham überwinden, Hilfe suchen und annehmen. Ich gründete zusammen mit anderen Personen den Verein SchlauFox, der seit elf Jahren erfolgreiche Bildungsförderarbeit leistet. Insgesamt bin ich ein absolut zufriedener und glücklicher Mensch und genieße mein Leben in vollen Zügen. Das ist für mich der Gipfel allen Erfolgs, ein Geschenk. Die richtigen Zutaten für die eigene Erfolgsbiografie zu finden, das wünsche ich jedem Menschen.

Mit der VorbilderAkademie unterstützt Bildung & Begabung Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte, individuelle Bildungswege zu entdecken und herauszufinden, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen. Welchen Ratschlag würden Sie den Jugendlichen mit auf den Weg geben?
Die meisten Menschen müssen einen Weg gehen, der voller Steine und Hürden ist. Das ist die Normalität. Verlass dich nicht darauf, dass andere dir die Steine aus dem Weg räumen. Wahrscheinlich wirst du eher noch Menschen begegnen, die dir zusätzliche Steine in den Weg legen. Fokussiere nicht die Steine, sondern konzentriere dich auf das Ziel vor dir. Dann wirst du Lösungsstrategien finden, jede Hürde überwinden zu können. Und am Ende wirst du dort ankommen, wo du hinwillst. Vielleicht kommst du am Ende auch da an, wo du nicht hinwolltest und merkst, dass das noch viel besser ist. So ist es mir ergangen.
Diesen Artikel weiterempfehlen:
facebook twitter Google