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Begabungsförderung in der Schule?

Wie kann Begabungsförderung unter den Bedingungen von Inklusion aussehen?
Darüber wurde auf der Studienkonferenz "Talentförderung inklusive", die von Bildung & Begabung und der Thomas-Morus-Akademie gemeinsam durchgeführt wurde, diskutiert. "Alle Schülerinnen und Schüler", betonte Professor Christina Schenz, "müssen mit ihren Begabungen umgehen lernen". Wir sprachen mit ihr über die Möglichkeiten der schulischen Begabungsförderung.

Christina Hansen

ist seit 2010 Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Passau und leitet dort auch das Zentrum für Praxis-Forschung....

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Frau Schenz, Begabung muss gefördert werden – so eine häufig gestellte Forderung. Entwickeln sich Potenziale nicht auch von allein?
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Schenz: Wir können nach den aktuellen Erkenntnissen der Neurobiologie und der Psychologie davon ausgehen, dass sich Potenziale in Wechselwirkung mit der Umwelt entfalten - oder eben nicht! Unter dem Stichwort der „dynamischen Begabungsentwickung“ ist damit der entscheidende Einfluss, den die Umwelt auf die Entfaltung individueller Begabungen hat, gemeint. Überspitzt könnte man sagen: Man IST nicht nur begabt, man WIRD es auch. Diese Aussagen finden wir etwa durch die Studie von Wilfried Bos bestätigt, in dem er den großen Einfluss sozialer Faktoren auf die Bildungschancen des einzelnen Kindes aufgezeigt hat.
Die Sache ist aber noch viel „trickreicher“: Wir wissen nicht genau, wann, wo und wie sich welche Begabungen entfalten. Neue Studien verweisen z. B. darauf, dass dieser Prozess ein Leben lang dauern kann. Andere Studien zeigen uns deutlich, dass sich die Vielfältigkeit menschlicher Begabungen weder automatisch in Leistung zeigen muss noch bestimmte lineare Verläufe nimmt.

Das legt den Schluss nahe, dass jedes Kind in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen und gefördert werden sollte.

Schenz: Genau. Aber das, was zunächst nur wie eine abgegriffene Begriffshülle klingt, zeigt den Teufel erst im Detail. Denn was ist denn damit gemeint, „jemanden in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen“? Da kann es um höchst verschiedene Ansätze gehen.
Einmal heißt es: Ich will jemanden als Person wahrnehmen und nicht nur als Teil einer (Schüler)Gruppe - es zeigt also die Bereitschaft für einen individualisierenden Blick auf „meine Klasse“, die besteht dann nämlich aus einzelnen Kindern.
Dann heißt es: Der Mensch ist es mir wert, ihn in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen - das zeigt die Haltung eines Menschen dem anderen gegenüber - eine Wertschätzung, die sagt: egal, wer du bist, woher du kommst und was du kannst - ich kann dein So-Sein wertschätzen, ich be-werte dich nicht (nach meinen Maßstäben), ich wertschätze dich als Person.
Es heißt auch: Ich kann jemanden in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen - das verweist z.B. auf die diagnostische Kompetenz einer Lehrkraft, Unterschiede wahrzunehmen.
Und es heißt auch: Ich verurteile das Anders-Sein nicht (indem ich etwa eine bestimmte gesellschaftliche Norm zugrunde lege), sondern akzeptiere die Vielfalt und unterstütze sie. Das „Anders-Sein“ ist in einer gemeinsamen Gesellschaft aber höchst anspruchsvoll. Also müssen wir für diese Freiheiten auch einen dementsprechenden politischen Rahmen sichern.
Sie sehen also: Wenn wir den Satz annehmen und ernstnehmen, dann hat das politische, gesellschaftliche, schulische und personale Konsequenzen. Insofern ist es ein höchst komplexes Vorhaben - aber ein lohnendes, übrigens nicht nur für den Einzelnen sondern auch für die Gesellschaft, denn: Begabungsvielfalt begünstigt vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen.

Wie können Lehrende auf diese Aufgabe vorbereitet werden?

Schenz: Vereinfacht - und sehr provokativ - gesagt: Wir brauchen genau die Lehrkräfte, die diese komplexen Zusammenhänge verstehen und sie auch umsetzen können. Lehrerbildung ist deshalb einerseits ein akademischer Prozess, der an der Uni stattfinden soll. Andererseits müssen wir angehenden Lehrkräften verstärkt die Möglichkeit geben, sich mit der Praxis auseinander setzen zu können. Ich plädiere deshalb ganz stark für eine Theorie-Praxis-verzahnte Lehrerbildung, in der die Erfahrungen der Studierenden an der Uni reflektiert und professionalisiert werden können.

Brauchen wir spezielle Förderklassen, in denen besonders Begabte zusammen lernen? Oder ist es besser, wenn alle gemeinsam lernen?

Schenz: Nein, wir bräuchten selbstverständlich keine besonderen Klassen, wenn es überall Lehrkräfte gäbe, die individualisierend mit den Begabungen von Menschen umgehen können. Individuelle Förderung betrifft dann die Hochbegabten genauso wie die „Tiefbegabten“, das hat also zunächst nichts mit dem System, sondern mit der Lehrkraft zu tun, das hat auch die Hattie-Studie klar gezeigt. Dann ist es entscheidend, dass die Lehrkraft die passenden Angebote für das jeweilige Kind vorbereitet.
Ja, wir müssen mit segregierenden, also trennenden Angeboten leben, weil zu viele Lehrkräfte aus Regelschulen - aber auch überraschend viele Sonderschullehrkräfte - im Moment noch nicht individualisierend unterrichten wollen oder/und können. Wenn ich ein behindertes und/oder besonders begabtes Kind hätte, würde ich es im Moment nicht gerne in einer Regelschule sehen, weil die Lehrkräfte dort tendenziell nicht auf diese Aufgabe vorbereitet sind.
Schade finde ich, dass die Debatte um die Umsetzungsmöglichkeiten der Inklusion immer nur mit Extrembeispielen zur Diskussion gestellt wird. Es wird z.B. das Kind angeführt, das dreimal täglich therapeutisch behandelt werden muss oder der autistische Inselbegabte, der sich nicht in eine Gemeinschaft fügen kann oder der extrem Verhaltensauffällige usw. Das sind wenige Einzelfälle, bei denen man sich in der jeweiligen Situation sicher überlegen muss, wie man vorgeht. Was macht man aber daraus? - Eine prinzipielle Frage zur Rettung des segregativen Systems.
Das Problem sehe ich darin, dass viele in Deutschland Bildungsangebote noch vom System aus denken, nicht vom Kind aus. Da gibt es dann zwar unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten, aber nicht in Abhängigkeit von den Begabungen des Kindes und schon gar nicht in Hinblick auf die Unterschiede in der Entwicklung (Stichwort: Übertritt schon nach der 4. Klasse), sondern in Hinblick auf die Schulart, in die das Kind gerade gekommen ist. Das ist im Sinne der Bildungsgerechtigkeit eine ziemlich unfaire Sache. Seit Jahren zeigen uns viele Studien (aktuell Bos, 2012), dass Bildungschancen in hoher Abhängigkeit vom sozioökonomischen Hintergrund der Eltern stehen. Ein Kind aus einer Akademikerfamilie kommt in Bayern z. B. mit einer 6,5-mal höheren Wahrscheinlichkeit aufs Gymnasium als ein Migrantenkind. Ich bin überzeugt, dass die Lehrkräfte nicht annehmen, dies liege an den mangelnden Begabungen der Migrantenkinder.

Was könnte eine Alternative sein?

Schenz: Wünschenswert und pädagogisch auch am sinnvollsten wäre ein dynamisches Bildungssystem, das prinzipiell inklusiv ist und in dem Lehrkräfte auch individualisieren können. Das müsste aber - entsprechend der dynamischen Begabungsentwicklungen der Kinder - auch offen genug sein, um bei Fragen, die die Schule oder die Lehrkraft in einzelnen Punkten vielleicht im Moment überfordern würde, auf ein stabiles Kooperationssystem zurückgreifen können. Letztlich gibt es das schon alles in unterschiedlichsten Variationen und Formen, z. B. in Schweden oder auch in einigen Regionen in Deutschland, wie man auf der „Landkarte der inklusiven Beispiele“ nachlesen kann.
Es gibt also genug Gründe dafür, dass Begabungsförderung alle angehen sollte und auch alle Schülerinnen und Schüler erreichen muss. Es gibt auch genug Beispiele von wirklich guten Schulen, in denen auf Vielfalt geachtet wird. In diesen Schulen finden keine „Wohlbefindensübungen“ statt; ich spreche von Schulen, in denen gelernt werden kann und auch geleistet wird - aber unter Berücksichtigung der jungen Persönlichkeiten. Die lernen dann übrigens auch besonders gut, weil sie es in individuell anpassbaren Rahmen auch besonders gut können.
Was ich nicht verstehe: warum sich ein längst überholtes und chancenungleiches Begabungssystem trotz nachweislicher Mängel in einer Gesellschaft nach wie vor halten kann.

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