»Begabungsförderung ist kein Luxusthema!«
E-Learning am nifbe

Interview mit Claudia Solzbacher

Individuelle Förderung, Inklusion und der Umgang mit Heterogenität gehören zu den großen bildungspolitischen Herausforderungen. Talente zu erkennen und individuell zu fördern ist jedoch keine einfache Aufgabe für Lehrkräfte. Es gibt aber eine Reihe von Qualifizierungsmöglichkeiten. Wir stellen sie Ihnen in loser Folge vor. Diesmal: Das E-Learning-Programm „Bildungsbewegung von Kindern entdecken und begleiten“ (BEB) des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe).

Prof. Dr. Claudia Solzbacher



Claudia Solzbacher ist Professorin für Schulpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück. Dort ist sie Gründungsvorstand des niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) und leitet die Forschungsstelle Begabungsförderung. Schwerpunktmäßig forscht sie unter anderem zu den Themen Individuelle Förderung, Selbstkompetenzförderung und der Bedeutung von professioneller pädagogischer Haltung. Die ständige Verbesserung von Diagnose- und Förderinstrumenten für Selbstkompetenz und die Entwicklung von Fortbildungsmodulen für Lehrkräfte sind wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit.

Das E-Learning-Programm "BEB"

  • „Bildungsbewegung von Kindern entdecken und begleiten“ (BEB) wurde am Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung entwickelt.
  • Das E-Learning-Programm wendet sich an Pädagoginnen und Pädagogen in Grundschulen und Kitas, die ihr Wissen zur Begabungsförderung vertiefen und praxisorientierte Anregung für die Arbeit mit den Kindern und deren Eltern suchen.
  • Das Programm besteht aus vier Modulen: „Diagnose“, „Dialog“, „Bildung und Entwicklung“ und „Kompetenz“. Der zeitliche Umfang beträgt pro Modul etwa vier Stunden, abhängig davon, wie intensiv sich die Teilnehmenden mit dem Modul auseinandersetzen.
  • Die Fortbildung endet mit einem interaktiven Lerntest und einem Zertifikat. Derzeit befindet es sich noch in der Pilotphase und ist kostenfrei.
  • Das Programm sowie mehr Informationen hierzu finden Sie auf der nifbe-Website.

Angela von Wietersheim

Angela von Wietersheim

  • Projektleiterin Wissenstransfer
  • (02 28) 959 15-91

Begabungsförderung findet im Elternhaus, in Schulen und Kitas statt. Genau genommen überall dort, wo Erwachsene Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg begleiten. Kann man individuelle Förderung auch vor dem Bildschirm lernen? Mit Professor Solzbacher haben wir über das neu entwickelte E-Learning-Programm des nifbe gesprochen.

Frau Professorin Solzbacher, am Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung haben Sie „BEB – Bildungsbewegungen von Kinder entdecken und begleiten“ entwickelt, ein E-Learning-Programm zur Begabungsförderung. Warum braucht es eine solche Weiterbildung?
Begabungsförderung ist ein zentrales Anliegen unserer Forschungsstelle: Wir wollen vor allem für einen Transfer von Forschung in Praxis sorgen und dort mit dem Vorurteil aufräumen, Begabungsförderung sei ein Luxusthema und käme in Kita und Schule erst dann dran, wenn man den „Schwächeren“ hinreichend Zeit gewidmet hätte. Jedes Kind hat Begabungen, an denen man anknüpfen muss, wenn Lernen gelingen soll – deshalb wollen wir mit BEB eine Möglichkeit schaffen, die Breite der Begabungsförderung zu verdeutlichen. Wir wollen Fachkräfte aus beiden Bereichen – dem Elementar- als auch dem Primarpädagogikbereich - gemeinsam ansprechen und für sie das komplexe Themenfelde „Begabungsentfaltung“ aufbereiten.

Sie betonen, wie wichtig es ist, Potenziale von Kindern breit zu fördern: Ist das noch nicht Alltag in Kitas und Grundschulen?
Die Berücksichtigung der Vielfalt und der Einzigartigkeit von Begabungen sind inzwischen grundlegende Annahmen in der Begabungsforschung. Zudem besteht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass alle Menschen Begabungen haben und dass Begabungen sich im Verlaufe des Lebens ausbilden, entwickeln und verschieben. Wir wissen aber aus unseren Studien, dass Methoden und Ansätze der individuellen Förderung noch nicht sehr verbreitet sind in der Praxis.

Was heißt das konkret für die Praxis?
Das kann doch nur heißen, nicht alle gleich zu behandeln, sondern ihre jeweiligen Ressourcen so gut wie möglich zu fördern und an ihnen anzuknüpfen. Individuelle Förderung kristallisiert sich in diesem Kontext als ein wichtiger Ansatz heraus, der für die Begabungsentwicklung hoch bedeutsam ist. Ausgangsüberlegung des E-Learning-Programms ist deshalb Begabungsförderung als größtmögliche individuelle Förderung.

Und wie kann diese größtmögliche individuelle Förderung gelingen?
Bei der individuellen begabungsgerechten Förderung kommt der Beziehungs- und Interaktionsqualität besondere Bedeutung zu, unter anderem für die Entwicklung der Selbstkompetenz des Kindes. Entsprechend ist es mit Blick auf die Elementar- und Primarpädagogik besonders wichtig, dass Kinder im Alter von 0-10 Jahren bei der Entwicklung ihrer individuellen Begabungen unterstützt werden. Sie entwickeln dadurch unter anderem Selbstbewusstsein und das wichtige Grundgefühl „ich schaff das schon“. Diese Selbstkompetenz ist Basiskompetenz für Lernen insgesamt.

Inwiefern ist diese pädagogische Haltung in das Konzept von BEB eingeflossen?
Wir betrachten in BEB die Beziehung zwischen Begabung, Persönlichkeitsentwicklung, Wissen und Lernen und die Einflussgrößen der Familie, der Pädagogen sowie den Kontext, in dem Lernen stattfindet und deren Wechselbeziehungen.

Warum haben Sie die Fortbildung in einem digitalen Format konzipiert? Was ist das Besondere daran?
Mit diesem E-Learning-Programm haben wir einen zeitlich und örtlich flexiblen Weg der Vermittlung gefunden: Das Programm bietet eine komplexe aber dennoch klare Struktur aus zwölf Kapiteln, die ähnlich einem U-Bahn-Plan angeordnet sind. Die Nutzer entscheiden sich eigenständig für eine bestimmte Reihenfolge innerhalb der Inhalte. Das heißt, sie können zwischen den einzelnen „Linien“ umsteigen, an beliebigen „Haltestellen“ verweilen, so oft wie gewünscht eine Wiederholung abrufen oder auch schon bekannte Inhalte überspringen. Die einzelnen Kapitel sind grafisch aufgebaut und werden von einer Sprecherin in kurzen Sequenzen begleitet. Foto- und Filmmaterial aus dem Alltag verschiedener Einrichtungen sowie Experteninterviews ergänzen die Aussagen. Neben Reflexionsfragen stehen Leitfäden, weiterführende Fachartikel und Literaturhinweise zum Download bereit. Das Programm ist intuitiv zu bedienen und bietet daher eine leichte Ausgangsbasis – auch für Ungeübte.

BEB ist in Modulen aufgebaut: In jedem Modul kann man eine von drei sogenannten Lernzonen wählen, zum Beispiel die Lernzone „Familie“. Wir wissen inzwischen aus der Forschung, wie wichtig die Familien als „Bildungsort“ sind. Welche Fachinformationen oder Handlungsanregungen erhalte ich in dieser Lernzone?
Die Lernzone „Familie“ kann in den drei Modulen „Diagnose“, „Dialog“ und „Bildung & Entwicklung“ besucht werden. Für das Modul Diagnose werden Fachinformationen zu der Thematik „Eltern als Experten für ihre Kinder“ und „Erziehungspartnerschaft“ gegeben. Handlungsanregungen sind beispielsweise das Anlegen eines Familienbuches oder der Besuch von ausgewählten Webseiten zum Thema Hochbegabung sowie Fragen reflektorischer Art wie „Was haben Ihnen Ihre Eltern mit auf dem Weg gegeben“. Das zweite Modul, Dialog, bietet Informationen über Entwicklungsbegleitgespräche in der Kita und Elterngespräche in der Grundschule oder auch Aspekte zum Thema Elternberatung. Als Handlungsanregung wird beispielsweise das Reframing geübt oder eine Checkliste für Entwicklungsbegleitgespräche bereitgestellt. Auch hier werden Fragen nach eigenen Erfahrungen in punkto Dialog jeglicher Art gestellt. Das dritte Modul Bildung & Entwicklung gibt Einblicke in die Eltern- und Familienbildung sowie in die professionelle Weiterbildung für Eltern. Aber auch die Entwicklung sozialer Netze wird thematisiert. Einhergehend wird dort die Frage nach Gestaltungsaspekten von eigenen sozialen Netzwerken gestellt.

Das Programm will nicht nur theoretisches Wissen vermitteln, sondern auch ganz praktische Anregungen für den Berufsalltag anbieten. Geben Sie uns ein Beispiel?
Bleiben wir mal in der Lernzone „Familie“ bei dem Stichwort „Reframing: Der positive Blick beziehungsweise das Umdeuten von Verhaltensweisen oder Eigenschaften bieten sehr praktische Anregungen. Probieren Sie es einfach mal mit Adjektiven aus: Welche positiven Assoziationen haben Sie mit folgenden Wörtern: hartnäckig, altklug, stur, frech… Reframing können Sie ganz einfach trainieren. Sind Sie in Ihrem Alltag gestresst oder regen sich über jemanden auf, versuchen Sie einmal den „positiven Blick“ anzuwenden. Sie werden merken, wie schnell sich dieser Blick auf all Ihre Gedanken überträgt. Für das Adjektiv „stur“ bieten wir beispielsweise folgende Umdeutungen an: „kann sich intensiv konzentrieren“ oder „lässt sich von seinen Interessen nicht ablenken“. Viel Spaß dabei!

Wie kann man sich den Ablauf des E-Learnings vorstellen und wie viel Zeit müssen die Teilnehmenden hierfür einplanen?
Das Programm kann wie ein U-Bahn-Netz betrachtet werden. Die Teilnehmenden können sozusagen aus- und zusteigen, wie sie es selbst möchten. Pro Modul sind etwa vier Stunden Bearbeitungszeit angedacht, je nachdem wie intensiv die Auseinandersetzung mit den einzelnen Themenbereichen vollzogen wird. Jede Teilnehmende sucht sich ihren eigenen Weg und kann die einzelnen Lernzonen in eigenem Tempo abarbeiten. Ob erst ein Modul abgeschlossen werden soll, oder doch erst eine Lernzone, bleibt jedem selbst überlassen.

Gibt es besondere technische Voraussetzungen?
Sie benötigen einen Internetzugang, sowie die Möglichkeit, Videos im Internet abzuspielen (Adobe Flash Player).
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