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Flexibilisierung von Bildungswegen:
Wie offen ist unser Schulsystem?

Gastbeitrag von Prof. Dr. Kai Maaz, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Individuelle Bildungsentscheidungen und persönliche Bildungsverläufe sind durch Strukturen des Bildungssystems vorgegeben. Ob jemand die Schule mit Abitur verlässt und studieren kann, hängt nicht nur von dessen Interessen und Fähigkeiten ab, sondern auch davon, ob die von ihm besuchte Schulart überhaupt die Möglichkeit für diesen Schulabschluss bietet.
Zur Person:

Zur Person:

Kai Maaz wuchs in der DDR auf und machte eine Lehre als Werkzeugmacher. Nach der Wiedervereinigung holte er das Abitur nach und studierte Sozialpädagogik an der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen Berlin und anschließend Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. 2002 erhielt er ein Promotionsstipendium am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und begann eine akademische Karriere. Seit 2013 ist Maaz, der auch als Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main lehrt, Direktor der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“ am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

Jahresbericht 2018/19 "I Did It My Way"

Wo will ich hin? Was sind meine Stärken? Welcher Weg passt zu mir? Diese Fragen stellen sich insbesondere junge Menschen, wenn sie vor wichtigen Weichenstellungen wie ihrer Schul- und Berufswahl stehen. Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, welche der zahlreichen Möglichkeiten zur eigenen Persönlichkeit passt. Den einen Weg gibt es dabei nicht. Vielmehr kommt es darauf an, verschiedene Optionen auszuprobieren, über den eigenen Tellerrand zu schauen, Chancen zu erkennen und zu ergreifen. In unserem Jahresbericht geben wir diesen verschiedenen Talentpfaden Gesichter. Es sind Gesichter von Menschen, die für unterschiedliche Lebensverläufe stehen – frei nach der Devise: „I Did It My Way“.

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Jahresbericht 2018/19 - Version 1
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Jahresbericht 2018/19 - Version 3
Konrad Hünerfeld

Konrad Hünerfeld

  • Leiter Kommunikation und Strategie
  • (0228) 959 15-62

Matthias Bunk

Matthias Bunk

  • Projektleiter Kommunikation
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Für eine Flexibilisierung von Bildungswegen ist die notwendige, schulstrukturelle Voraussetzung eine Offenheit im Bildungswesen. Eine solche Offenheit impliziert die Möglichkeit, getroffene Bildungsentscheidungen ohne unzumutbare persönliche und gesellschaftliche Kosten korrigieren zu können.
Die Forderung, Bildungswege möglichst lange offen und flexibel zu halten, wurde bereits vor rund 50 Jahren vom ersten deutschen Bildungsrat formuliert. Der Kernsatz „Kein Bildungsgang darf in einer Sackgasse enden“ (Deutscher Bildungsrat, 1972, S. 38) bringt die Situation der 1960er Jahre anschaulich auf den Punkt. In dieser Zeit war der Erwerb allgemeinbildender Schulzertifikate fast ausschließlich an den Besuch einer spezifischen Schulform (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) gebunden. Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I zwischen den Schulformen gab es, wenn überhaupt, nur nach unten. Das bedeutete: Wenn ein Wechsel der Schulform stattfand, dann wurde überwiegend an einen niedrigeren Bildungsgang gewechselt. Wechsel in einen anspruchsvolleren Bildungsgang waren seltene Ereignisse oder sogar strukturell nicht möglich. Mit der beginnenden Bildungsexpansion war in den 1960er Jahren der Wunsch verbunden, diese Kopplung von Schulform und Zertifikat aufzuweichen.

Um ein größeres Maß an Offenheit im Bildungssystem zu erreichen, wurden zwei bildungspolitische Strategien verfolgt: Zum einen sollte unter Beibehaltung der Dreigliedrigkeit die Möglichkeit bestehen, die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen in der Sekundarstufe I zu erhöhen. Zum anderen gab es Bemühungen, die Struktur des Schulsystems grundlegend zu reformieren. In diesem Zusammenhang ist die Gründung der Gesamtschule zu sehen, die als neue Schulform das dreigliedrige Schulsystem ersetzen sollte. Allerdings war die Gesamtschule nie eine Alternative zur Dreigliedrigkeit des deutschen Bildungssystems, sondern „nur“ eine Ergänzung. Dies betrifft insbesondere den Bereich der Mittelstufe. In der Oberstufe hat sie sich allerdings zu einer Institution entwickelt, die einen wichtigen Beitrag zur institutionellen Öffnung des Zugangs zur Hochschulreife leistet (Baumert, Cortina & Leschinsky, 2003; Köller, 2003; Köller & Trautwein, 2003).

In den letzten beiden Dekaden haben sich im Bildungssystem, besonders im Sekundarschulsystem, zum Teil erhebliche Veränderungen vollzogen. In der Mehrzahl der Bundesländer wurden kombinierte Schularten geschaffen, die mehrere Abschlussoptionen eröffnen. Vernachlässigt man auslaufende Schularten und solche, die quantitativ nur geringe Bedeutung haben, lassen sich die Angebotsstrukturen der Länder in drei Gruppen beschreiben (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016):

- In der ersten Gruppe existiert neben der Förderschule und dem Gymnasium nur noch eine weitere Schulart. Dies ist für etwa die Hälfte der Bundesländer der Fall.

- In einer zweiten Gruppe gibt es (neben den Förderschulen) eine Kombination von Gymnasien mit mehreren Schularten, die entweder zwei oder drei Bildungsgänge in sich vereinen.

- Die dritte Gruppe bilden einige wenige Länder, in denen zusätzlich zum Gymnasium verschiedene Schularten mit mehreren Bildungsgängen das fortbestehende Angebot an Realschulen (Baden- Württemberg) bzw. Haupt- und Realschulen ergänzen.

Insgesamt kann festgestellt werden: In allen Bundesländern wurden inzwischen Möglichkeiten geschaffen oder ausgebaut, an einem Schulstandort unterschiedliche Abschlusswege einzuschlagen und den Schülerinnen und Schülern möglichst lange die Entscheidung für ein bestimmtes Zertifikat offenzuhalten.

Offenheit als wichtigstes Kriterium

Dabei sind die Entwicklungen zur Flexibilisierung von Bildungswegen im Bildungssystem nicht mit strukturellen Veränderungen im Schulbereich abgeschlossen. Denn auch nach dem Erwerb des allgemeinbildenden Abschlusses gibt es Tendenzen, Bildungswege weiter auszudifferenzieren und mehr Optionen für den Einzelnen zu schaffen. Dies trifft weniger den Zugang zu vollqualifizierenden Ausbildungen in der beruflichen Bildung – hier werden insbesondere attraktive Berufe mit guten Verdienst- und Karriereoptionen zunehmend an das Abitur gekoppelt –, sondern die Öffnung zu den Hochschulen. Wenngleich erst ein recht geringer Anteil von Personen den sogenannten „dritten Bildungsweg“ wählt, zeigt sich, dass sich die Hochschule vermehrt für Personen öffnet, die kein Abitur haben, also formal nicht über das Zertifikat einer Hochschulzugangsberechtigung verfügen.

Betrachtet man die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zusammenfassend, lässt sich konstatieren, dass das deutsche Bildungssystem offener und flexibler geworden ist. Insbesondere die nach der Grundschule getroffene Entscheidung für einen Bildungsgang ist nicht mehr eine Entscheidung, die den gesamten Bildungs- und damit auch Lebensweg vorgibt, sondern kann im Bildungsverlauf korrigiert und den individuellen Entwicklungen entsprechend angepasst werden. Diese veränderten strukturellen Rahmenbedingungen für individuelle Lebens- und Bildungsverläufe führen auf der bildungspolitischen Ebene aber auch gleichzeitig zu neuen Herausforderungen. Denn zum einen darf es bei einer Öffnung von Bildungswegen nicht zu einer Leistungsabsenkung kommen. Die neuen Strukturen müssen auch weiterhin den allgemein geteilten Qualitätsmaßstäben genügen und die Qualifikation des Einzelnen auf einem notwendigen Standard halten. Zum anderen ist nicht aus dem Blick zu verlieren, wie eine Öffnung von Bildungswegen unter Wahrung der Qualitätsmaßstäbe zu einem Abbau von Bildungsungleichheiten beitragen kann.

Junge Menschen verfügen über unterschiedliche Fähigkeiten und Voraussetzungen. Bildungsteilnehmerinnen und –teilnehmer werden zunehmend heterogener. Die Öffnung von Bildungswegen und die Flexibilisierung von Bildungsverläufen sind vor – diesem Hintergrund eine Voraussetzung, um künftig allen Mitgliedern unserer Gesellschaft Zugang zu den verschiedenen Bildungseinrichtungen zu ermöglichen. Niemand darf aufgrund individueller Personenmerkmale bevorteilt oder benachteiligt werden. Die Strukturen des Bildungssystems bilden die Grundlage für die Realisierung individueller Bildungswege. Für die Weiterentwicklung des Bildungssystems darf der Aspekt der Offenheit als wichtiges Zielkriterium nicht an Bedeutung verlieren.

Quellen:

Deutscher Bildungsrat (1972). Empfehlungen der Bildungskommission, Strukturplan für das Bildungswesen. Stuttgart: Klett.

Baumert, J., Cortina, K. S. & Leschinsky, A. (2003). Grundlegende Entwicklungen und Strukturprobleme im allgemein bildenden Schulwesen. In K. S. Cortina, J. Baumert, A. Leschinsky, K. U. Mayer & L. Trommer (Hrsg.), Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick (S. 52-147). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Köller, O. (2003). Gesamtschule – Erweiterung statt Alternative. In K. S. Cortina, J. Baumert, A. Leschinsky, K. U. Mayer & L. Trommer (Hrsg.), Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick (S. 458-486). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Köller, O. & Trautwein U. (2003). Die Entwicklung des Sekundarschulsystems in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In O. Köller & U. Trautwein (Hrsg.), Schulqualität und Schülerleitung. Evaluationsstudie über innovative Schulentwicklung an fünf hessischen Gesamtschulen (S. 17-24). Weinheim: Juventa.

Maaz, K., Baethge, M., Brugger, P., Füssel, H.-P., Kühne, S., Rauschenbach, T., Rockmann, U. & Wolter, A. = Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016). Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung und Migration. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
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