"Berufsorientierung darf keine Einmalmaßnahme sein"

Interview mit Tobias Lohmann, Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft

Als Sprecher der Geschäftsführung des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft weiß Tobias Lohmann, welche Anforderungen heutzutage von der modernen Arbeitswelt an junge Menschen gestellt werden. Seine Empfehlung: Eltern, Schule und Unternehmen müssen zusammenarbeiten, um Jugendlichen auf ihrem beruflichen Lebensweg Orientierung zu geben.

Jahresbericht 2018/19 "I Did It My Way"

Wo will ich hin? Was sind meine Stärken? Welcher Weg passt zu mir? Diese Fragen stellen sich insbesondere junge Menschen, wenn sie vor wichtigen Weichenstellungen wie ihrer Schul- und Berufswahl stehen. Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, welche der zahlreichen Möglichkeiten zur eigenen Persönlichkeit passt. Den einen Weg gibt es dabei nicht. Vielmehr kommt es darauf an, verschiedene Optionen auszuprobieren, über den eigenen Tellerrand zu schauen, Chancen zu erkennen und zu ergreifen. In unserem Jahresbericht geben wir diesen verschiedenen Talentpfaden Gesichter. Es sind Gesichter von Menschen, die für unterschiedliche Lebensverläufe stehen – frei nach der Devise: „I Did It My Way“.

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Jahresbericht 2018/19 - Version 1
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Fachtagung Perspektive Begabung

Fachtagung Perspektive Begabung

Die Fachtagung "Perspektive Begabung" richtet sich an Bildungspraktiker von Schulen und außerschulischen Fördereinrichtungen, Vertreter von Stiftungen, Verbänden, Hochschulen oder Kommunen sowie Aktive in weiteren Feldern der Talentförderung. Sie bietet ein Forum für Information, Austausch und Vernetzung.

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Konrad Hünerfeld

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Matthias Bunk

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Viele Schülerinnen und Schüler sind angesichts der vielen Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten offenbar überfordert. Wie kann man ihnen Orientierung geben?
In Anbetracht von mehr als 320 anerkannten Berufsbildern und 19.000 Studiengängen ist es heute eine Herkulesleitung, Orientierung zu geben. Studien zeigen, dass es mit der Berufsorientierung immer schwieriger wird. Ein guter Startpunkt ist immer zunächst die Beratung durch die Arbeitsagenturen, im Informationszentrum für Berufsbildung. Aber auch in den Schulen sollten Berufsorientierungsmaßnahmen durchgeführt werden. Wichtig ist dabei, nicht nur auf die Schüler zu fokussieren, sondern auch die Eltern und natürlich auch die Lehrer miteinzubinden. Lehrer müssen mittlerweile in den Schulen so viele Aufgaben übernehmen, dass wir sie bei Thema Berufswahl und Berufsorientierung nicht alleine lassen dürfen.

Ab welcher Klasse sollte man damit beginnen?
Viele der Berufsbilder, die es heute gibt, gab es vor zehn Jahren noch nicht. Man sollte daher möglichst frühzeitig das Thema Berufsorientierung in der Schule auf die Agenda setzen. Wir plädieren dafür, ab der achten Klasse das Thema Berufswahlvorbereitung zu adressieren und die Schüler dann kontinuierlich zu beraten. Berufsorientierung darf keine Einmalmaßnahme sein.

Wie erkenne ich als Jugendlicher, welcher Beruf zu mir passen könnte?
Wichtig finde ich, nicht ausschließlich auf die Interessen der Jugendliche abzuzielen. Dann kommt man nämlich schnell an einen Punkt, wo es heißt: „Das muss Spaß machen.“ Wie wir aber alle wissen, ist der Spaß im Berufsleben auch endlich. Man sollte daher stärker auf Kompetenzen und Potenziale abzielen, auf Begabungen und soziale Kompetenzen wie Veränderungsfähigkeit, Flexibilität, Umgang mit Komplexität.

Warum sind diese Kompetenzen in der Arbeitswelt von morgen so wichtig?
Die Entwicklungen in der Arbeitswelt sind rasant schnell. Damit verändern sich Anforderungen an Berufsprofile. Wir müssen daher junge Menschen darauf vorbereiten, dass Flexibilität und Veränderungsbereitschaft ein Teil der beruflichen Zukunft sind. Das sind Kompetenzen, die man auch gut in den Fächerkanon in den Schulen integrieren kann – was ja auch an vielen Schulen bereits passiert. Ich warne allerdings vor der einseitigen Fokussierung auf die MINT-Berufe. Das war sicherlich in der Vergangenheit sehr notwendig, wenn man sich die Engpassberufe in der Wirtschaft anguckt. Wir sollten aber ebenso die sozialen Kompetenzen adressieren – auch um Enttäuschungen zu vermeiden.



Sind diese Zukunfts-Skills für alle Berufe gleichermaßen wichtig? Warum braucht beispielsweise ein Bäcker mehr Kompetenzen als früher?
Auch im Handwerk werden wir immer mehr digitale Elemente haben. Nehmen wir eine Beruf wie das Bäckerhandwerk: Das ist ohnehin eine Branche, die enorme Probleme hat, Nachwuchs zu finden. Das hat sicherlich auch etwas mit den Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen zu tun. Hier kann die Digitalisierung Vorteile bringen, wenn sie nämlich die Arbeitsbedingungen erleichtert. Es braucht aber eben auch Menschen, die moderne Backmaschinen bedienen und einstellen können. Von daher ist im Handwerk das Thema Digitalisierung ein großes Thema – und damit auch die schnelle Veränderung von Berufsbildern.

Gibt es weitere Beispiele?
Kfz-Mechaniker ist immer noch der beliebteste Ausbildungsberuf. Da muss man sich schon die Frage stellen: Wie viel Zukunft hat dieser Beruf in der Form, wie er heute noch ausgeübt wird? Mit der Umstellung auf E-Mobilität werden ganz andere Kompetenzen gefragt sein. Auch hier hält also immer mehr digitale Technologie Einzug in die Branche. Damit stellt sich aber noch eine weitere Frage: Wenn junge Leute einmal eine Berufsausbildung erworben haben – wie lange sind die dabei erworbenen Kenntnisse denn überhaupt noch tragfähig, um im Berufsleben zu bestehen? An dieser Stelle sind also auch im Handwerk soziale Kompetenzen wie Veränderungsbereitschaft, dauerhafte Lernbereitschaft und Selbstlernkompetenz ein ganz wichtiges Element.

Wie sieht es aus bei Jugendlichen, die nicht in Deutschland geboren sind und aufgrund von Sprachproblemen durch das Raster fallen? Wie kann man diese Gruppe gezielt fördern?
Für Jugendliche, die nicht in Deutschland geboren wurden, ist das Thema Berufswahl ein großes Thema. Die Quote von Jugendlichen ohne Berufsabschluss mit Migrationshintergrund liegt deutlich höher als bei Jugendlichen, die keinen Migrationshintergrund haben. Interessanterweise ist bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aber auch der Wunsch zu studieren größer als bei jungen Menschen ohne Migrationshintergrund. Berufsorientierung in diesem Bereich ist also ein Handlungsfeld mit vielen Komponenten: Die Sprachlichkeit, besonders Fachsprachlichkeit, ist sicherlich ein Element.

Was sind weitere Komponenten?
Ein zweiter wichtiger Punkt ist der kulturelle Hintergrund. Oftmals kommen diese Menschen aus einer Lernkultur und einem Bildungssystem, in dem eine duale Berufsausbildung nicht bekannt ist. Hier gilt es, nicht nur die Jugendlichen selbst zu adressieren, sondern auch deren Umfeld. Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit sogenannten Elternmoderatoren. Dabei haben wir Jugendliche und ihre Eltern gemeinsam beraten, zusammen Betriebe besichtigt, das deutsche Berufsbildungssystem vorgestellt und die Wertigkeit einer Ausbildung gegenüber einem Studium hervorgehoben.
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