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Kompetenzen erwerben - Potenzial entfalten

Rückblick auf die Fachtagung »Perspektive Begabung«

Kompetenzen: Schlüssel zur Potenzialentfaltung und wertvolle Ressource für Lernbiografien oder Fehlentwicklung in unserem Bildungssystem? Kaum ein Thema wird aktuell so intensiv und kontrovers diskutiert. Die Fachtagung „Perspektive Begabung“ am 14. März 2013 im Wissenschaftszentrum Bonn nahm Kompetenzentwicklung aus Sicht der Begabungs- und Talentförderung in den Fokus und traf hiermit auf großes Interesse in der Fachöffentlichkeit.

Tagungsberichte

Die Fachtagung in Bildern

Werfen Sie mit unserer Fotostrecke einen Blick in die Vorträge, Foren und die Projektbörse der Fachtagung »Perspektive Begabung«.

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Angela von Wietersheim

Angela von Wietersheim

  • Leiterin Wissen­schafts­transfer
  • (02 28) 959 15-91

14.03.2013
Mehr als 300 Lehrerkräfte, Praktiker der außerschulischen Förderung, Bildungsexperten und Vertreter aus der Wirtschaft waren der Einladung des Zentrums für Begabungsförderung gefolgt. „Entweder Bildung oder Kompetenzen?“: Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, eröffnete die Tagung mit der Frage, ob es angesichts der verwirrenden Begriffsvielfalt bei dem Thema Kompetenzentwicklung tatsächlich um unvereinbare Standpunkte gehe. Es sei dringend notwendig, Kompetenzentwicklung auch aus Sicht der Begabungsförderung zu betrachten und zu prüfen, welche Methoden für die Potenzialentfaltung hilfreich sein könnten. Dabei gelte es, leistungsstarke Schüler genauso in den Blick zu nehmen wie die Kinder und Jugendliche, deren Begabungen häufig nicht wahrgenommen würden, beispielsweise an Haupt- oder Realschulen. Begabung sei niemals ein Selbstläufer, betonte Völmicke: „Für ihre Entfaltung braucht es immer auch entsprechende Rahmenbedingungen“.

»Dünger« fürs Gehirn

Mit seiner provokanten These „Alle Kinder sind hoch begabt“, forderte Gerald Hüther in seinem Eingangsstatement, jedes Kind mit seinen individuellen Stärken und Möglichkeiten in den Blick zu nehmen. Jedes Kind komme mit vielfältigen Potenzialen zur Welt, so der Hirnforscher. Damit sich diese entfalten könnten, brauche es günstige Umstände, die dem Kind Raum bieten, sich zu entwickeln. Begabung könne nicht „gemacht“ werden, sondern nur „gelingen“. Potenziale, erklärte Hüther, entfalteten sich in Selbstorganisationsprozessen: durch neuronale Vernetzungen, die im Gehirn durch positive Erfahrungen entstehen. Kinder lernten das, was sie als „bedeutsam“ erfahren. Kompetenzentwicklung und Wissenserwerb gelinge daher durch positive Emotionen und Beziehungen – „dem neuroplastischem Dünger fürs Gehirn“. Was Lehrkräfte und Eltern tun könnten: Kinder in ihrer Einzigartigkeit und ihren Stärken zu sehen, sie wertzuschätzen und zu motivieren, die vielfältigen Phänomene unserer Welt zu erkunden. Als „Potenzialentfaltungscoach“ seien Lehrer herausgefordert, aus einer zusammengewürfelten Gruppe ein Team zu bilden, das entdecken, lernen und sich einbringen will. Hüther warb somit eindringlich für ein neues Verständnis von Potenzialentfaltung, Lern- und Beziehungskultur.

Kern der Bildung

Dass die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden entscheidend ist für eine gelingende Kompetenz- und Begabungsentfaltung, darin waren sich auch Bildungsforscher Eckard Klieme und Begabungsforscherin Claudia Solzbacher einig. Allerdings machten beide Wissenschaftler auch deutlich, dass sich Lehrkräfte dabei in einer Zwickmühle befinden. Pädagogen wollten Selbstentfaltung unterstützen. Gleichzeitig – betonte Klieme in Hinblick auf das Eingangsstatement – habe Schule aber auch Qualifikationsaufgaben zu erfüllen. Es gelte daher, die richtige Balance zwischen beiden Anforderungen zu finden. Kernelemente hierfür seien individuelle Förderung, ein gut strukturierter Unterricht, wertschätzendes Feedback, Entkoppelung von Lern- und Leistungssituationen und Förderung von Selbstkompetenzen. Prozess- und inhaltsbezogene Kompetenzen sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden, warnten die Wissenschaftler. Da Begabungen dynamisch sind, gelte es, sie immer wieder herauszufordern. Und hierzu trage auch die Kompetenzorientierung bei: durch die Vermittlung von Wissen und Entwicklung von Fähigkeiten, die helfen, neue Situationen zu meistern.





»Kompetenz kennt keinen Feierabend«

Wie Kompetenzentwicklung in Schule, Ausbildung und Studium jenseits der klassischen Pfade gelingen kann, zeigten Ute Simon-Nadler (Hessenwaldschule, Weiterstadt ), Günther Hohlweg (Professional Education Siemens), Bernd Kriegesmann (Westfälische Hochschule, Gelsenkirchen) und Heinz-Werner Wollersheim (Universität Leipzig) in der Abschlussdiskussion auf. Siemens beispielsweise bietet in einem speziellen Programm jungen Menschen die Chance auf einen Ausbildungsplatz, die sich eher durch bestimmte Kompetenzen und Motivation, als durch herausragende Zeugnisnoten auszeichnen. Durch eine intensivere Begleitung könnten diese Jugendlichen schließlich ihr Potenzial ausspielen. Auch Ute Simon-Nadler betonte, wie wichtig es sei, jedem Schüler Vertrauen und Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Sie sprach in diesem Zusammenhang die Chancen von Ganztagsschule an: „Wir brauchen Zeit und Raum für Kinder, die in ungünstigen Verhältnissen aufwachsen“, so Simon-Nadler. „Die übliche Hetzerei der Lehrer macht es nahezu unmöglich, alle Talente zu entdecken.“ Bernd Kriegesmann warb nachdrücklich dafür, dass Hochschulen Bedingungen schaffen, um Studierenden mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen den Einstieg an die Hochschule möglich zu machen. In Gelsenkirchen gelingt dies zum Beispiel mit einer Akademie, die zu Beginn des Studiums hilft, fehlende Kompetenzen zu entwickeln. Der Leipziger Masterstudiengang verknüpft die beiden großen Handlungsfelder „Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung“ und will zu ihrer Professionalisierung beitragen, wie Heinz-Werner Wollersheim erläuterte.

Zwischen Vision und Praxis

Die Tagung „Perspektive Begabung“ beleuchtete in Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis unterschiedliche Aspekte von Kompetenzentwicklung und Begabungsförderung. Deutlich wurde im Laufe des Tages das sehr breite Spannungsfeld, in dem sich Praktiker und Wissenschaftler dabei bewegen. So werden in der Wissenschaft beispielsweise die Konsequenzen aus neurologischen Erkenntnissen sehr kontrovers bewertet. Dies betrifft Fragen von Notengebung und ihren Effekten bis zu Schlussfolgerungen auf das Schulsystem insgesamt. Unterschiedlich thematisiert wurde ebenfalls, ob Begabungen breit angesprochen oder eher stärkenzentriert gefördert werden sollen. Auch wenn Studien den Lehrern eine zentrale Rolle für gelingende Bildung einräumen, so besteht noch Klärungsbedarf über die genaue Ausgestaltung ihrer Rolle. Große Einigkeit herrschte auf der Tagung jedoch in der Auffassung, dass Kompetenz- und Begabungsentfaltung Hand in Hand gehen. Die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen ist zentral, damit junge Menschen ihr Potenzial entdecken und entfalten können. Damit dies gelingt, müssen ihnen die richtigen Rahmenbedingungen geboten werden – im Elternhaus genauso wie in der Schule und an außerschulischen Lernorten. Obwohl die Wissenschaft schon längst festgestellt hat, dass Potenzialentwicklung früh beginnen und die vielfältigen Lernorte dabei gut verzahnt sein müssen, fehlt es in der Praxis jedoch noch häufig an Gegebenheiten und der Umsetzung vor Ort oder dem Zusammenspiel der Akteure. Entscheidend sind dabei häufig gar nicht so sehr Randbedingungen wie die Größe der Schulklassen, sondern der individuelle Umgang mit den unterschiedlichen Potenzialen von Kindern und Jugendlichen. Eckard Klieme resümierte zum Abschluss der Tagung: „Es besteht ein Spannungsverhältnis – zwischen großen Visionen und den Mühen der Ebene.“


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