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Mehr Talent durch weniger Druck

„Perspektive Begabung“: Bildungsexperten stellten auf Tagung in Bonn Forschungsergebnisse zur Begabungsförderung vor

Namhafte Bildungsforscher haben in Bonn zur individuellen Talentförderung ohne unmittelbaren Leistungsdruck aufgerufen. Die vierte Fachtagung „Perspektive Begabung“ des bundesweiten Talentförderzentrums Bildung & Begabung stand unter dem Motto „Potenziale im Blick“. Bildungsexperten stellten im Wissenschaftszentrum aktuelle Forschungsergebnisse vor und erläuterten, wie es in der Praxis gelingt, Begabungen von Jugendlichen wahrzunehmen.

Video-Doku

Statements, Fotos und bewegte Bilder von der Fachtagung finden Sie in unserer Video-Doku zur Fachtagung 2015.



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Präsentationen der Experten

Einige Referenten haben uns ihre Vortragspräsentationen zur Verfügung gestellt. Diese können Sie hier downloaden:

PRAXIS BEGABUNG

In der Reihe "Praxis Begabung" bietet Bildung & Begabung 2015 außerdem folgende Fortbildungsangebote an:

Talenten auf der Spur:Wie Sie Potenzialentdecker werden Ich sehe was, was Du nicht siehst

Tagungsprogramm

Den Programm-Flyer der Fachtagung Perspektive Begabung 2015 können Sie unten downloaden. Ausführliche Informationen zum Programm der Tagung am 12. Mai 2015 finden Sie zudem auf der Veranstaltungsseite.

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Flyer »Perspektive Begabung 2015
Angela von Wietersheim

Angela von Wietersheim

  • Leiterin Wissen­schafts­transfer
  • (02 28) 959 15-91

Nikolaus Sedelmeier

Nikolaus Sedelmeier

  • Leiter Kommunikation
  • (02 28) 959 15-62

12.05.2015, Bonn
Die Pädagogikprofessorin Christina Schenz ermunterte die Lehrer zu einer möglichst individuellen Förderung. Sie riet den Pädagogen, von der Leistungsförderung auf eine Potenzialförderung umzusteigen und schrittweise einen „adaptiven Lernraum“ zu schaffen. „Es kann in der Schule tagtäglich gelingen, das Lernen so zu öffnen, dass es möglichst individuell ist.“ Hierbei komme es maßgeblich auf die Lehrer an. „Das ist richtig viel Arbeit. Wir wissen aber: es funktioniert“, sagte Schenz bei der Tagung vor über 300 Teilnehmern.

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Soziologe Hartmut Rosa forderte Resonanzoasen für Schüler ohne Leistungs- und Verwertungsdruck.
Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa warnte vor einer „Verdinglichung" von Potenzialen und Begabungen. „Wir müssen Räume schaffen, die vom unmittelbaren Verwertungs- und Leistungsdruck entlastet sind“, sagte Rosa. „Bildung ist nicht das Erkennen von Kompetenzen und Fähigkeiten. Es geht darum, Weltausschnitte zum Sprechen zu bringen.“ Die gesellschaftliche Wachstumslogik führe dazu, „dass gerade die Begabten einen immer dichteren Stundenplan kriegen im Dienste der Potenzialentfaltung. Ich glaube aber schon, dass sie Schutzzonen brauchen“, mahnte Rosa.

Jedes Kind hat mindestens ein Talent

Der Talentscout Suat Yilmaz forderte: „Wir müssen aufhören, Menschen zu kategorisieren. Wir müssen vielmehr jedem Talent unterstellen.“ Yilmaz riet außerdem dazu, die Jugendlichen durch den ganzen Bildungsprozess zu begleiten. Er zog einen drastischen Vergleich: „Sie können den tollsten Lachs der Welt fangen, ist die Kühlkette unterbrochen, stinkt er am Ende.“

Auch Marc Honsell, Initiator von „Hauptschule – keine Sackgasse“, kritisierte, dass Schüler vielfach systematisch demotiviert werden. „Das ist ein Luxus, den wir uns in Deutschland nicht leisten können. Jedes Kind hat mindestens eines, wenn nicht sogar mehrere Talente.“

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Podiumsdiskussion mit dem Jenaer Schulleiter Wolfram Böhme, Talentscout Suat Yilmaz, Pädagogikprofessorin Christina Schenz, Marc Honsell, Initiator von Hauptschule - keine Sackgasse, und Moderator Tom Hegermann (v.l.).
Der Leiter des Acherner Gymnasiums, Stefan Weih, sagte: „Wir müssen Freiräume schaffen, um Potenzial zu entfalten.“ Ziel sei der Lernerfolg, nicht die Wissensüberprüfung. „Das Hauptaugenmerk muss auf den individuellen Stärken liegen, statt auf individuellen Defiziten.“

Vielfalt als Stärke

Der Erziehungswissenschaftler Prasad Reddy warb für einen kritischen Umgang mit Vorurteilen und einen kultursensiblen Blick auf die Jugendlichen, um Wahrnehmungsverzerrungen und Diskriminierung zu vermeiden. Es gelte, Vielfalt als Stärke zu sehen und kein zu schnelles Urteil zu fällen.

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Die Bildungswissenschaftlerin Anne Sliwka sprach über die Bedeutung der Eltern bei der Entdeckung von Potenzialen.
Der Tübinger Professor Ulrich Trautwein betonte, leistungsbestimmend für die Schüler seien ihre Selbstkonzepte. „Es sind die Selbstbilder, die unser Handeln bestimmen, nicht die Realität.“ Besonders wichtig sei in diesem Zusammenhang die Rolle des Klassenverbandes. Auch Trautwein warnte die Lehrer vor den leistungsschädlichen Auswirkungen negativer Stereotype und vor zu viel Leistungsdruck: „Das produziert nur Verlierer.“

Bildungswissenschaftlerin Anne Sliwka lenkte den Blick auf die Eltern. „Die Familie spielt beim Schulerfolg und bei der Entdeckung von Potenzialen eine maßgebliche Rolle.“ Deswegen sei es wichtig, die Beziehungstriade „Kind-Schule-Eltern“ zu stärken und Eltern mehr Partizipationsmöglichkeiten zu bieten.

Veranstalter der Fachtagung war das bundesweite Talentförderzentrum Bildung & Begabung. „Jedes Kind hat das Recht, gefördert zu werden. Wir wollen keine Jugendlichen übersehen. Es wird höchste Zeit, unsere Haltung zu überdenken, Werte, Wünsche und Vorurteile infrage zu stellen, um alle Potenziale zu heben“, sagte Geschäftsführerin Elke Völmicke und betonte: „Es braucht den Mut und die Fähigkeit der Lehrenden, Stärken auch da zu suchen, wo sie nicht unmittelbar in den Blick fallen. Die beste Bildungsreform beginnt in den Köpfen.“
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